555 x Scarlatti

Portrait Domenico ScarlattiSoeben habe ich in der Wikipedia einen Artikel über Pieter-Jan Belder verfasst. Der Artikel ist zwar noch ziemlich dünn (Stub nennt sich sowas) und die beschriebene Person ist nicht gerade wichtig für die Weltgeschichte. Interessant ist aber, was diese Person gerade macht: Pieter-Jan Belder ist Konzert-Cembalist und nimmt seit 2000 alle 555 Sonaten des italienischen Barock-Dandys Domenico Scarlatti auf. Das sind etwa 40 CDs mit 3000 Minuten Musik.
Da ich ein großer Fan Scarlattis bin, lasse ich mir diese Sache natürlich nicht entgehen. Zugute kommt da, dass diese Komplettaufnahme auch noch beim Diskount-Label Brilliant Classics erscheint. Wenn man die CDs beim richtigen und nicht beim falschen Laden einkauft, bezahlt man für eine 3er Box nur 6 Eur. Also effektiv 2 Eur pro CD - das lohnt sich auf jeden Fall. Zumal die Aufnahmen auch noch ziemlich gut sind.

Belder lässt sich zu keinen Kompromissen hinreisen: Gespielt wird nur auf historisch authentischen Instrumenten, es wird munter getrillert und verziert und Romantizimen (wie sie etwa in meiner Notenausgabe von Longo reingeschmiert sind) haben in seinem Spiel keinen Platz. Das macht das oft bescholtene “Schreibmaschinengetacker” und damit den Kopfschmerzfaktor des Cembaloklangs nicht unbedingt weniger, historisch korrekt und interessant ist es aber allemal.
Was mir persönlich an den Aufnahmen etwas fehlt ist die “hörbare” Virtuosität, die sich in nahezu jeder Sonate Scarlattis findet. Grollende Akkorde, rasche Sprünge, Arpeggien und Läufe sind bei Scarlatti oftmals Mittel zum Zweck - barocke Special Effects noch lange vor der Mannheimer Rakete. Bescheidenheit ist dort fehl am Platz - da muss der ba”rock”e Rock’n'Roller durchbrechen und der Spieler darf sich und seine Kunst nicht immer allzu ernst nehmen. Schließlich war die Musik zu ihrer Zeit primär der Unterhaltung zugedacht.
Doch wie findet man sich bei 555 Sonaten zurecht und bringt Ordnung in das Chaos (das Scarlatti dank fehlenen Autographen zu Genüge hinterlassen hat)? Selbst mit Tonart- und Tempobezeichnung gibt es eine ziemliche Verwirrung und gleich zigfach mehrdeutige Bezeichnungen. Ich freue mich immer, wenn ich Konzerte besuche und ich im Programm “Sonate in D” (Ach die!) lese. Wenn man eine bestimmte Sonate bezeichnen will, braucht man also ein Verzeichnis. Darum lohnt es sich immer, auch mal die eine oder andere Nummer mit Buchstaben davor anzuschauen. Aber Verzeichnisse der Sonaten gibt es dummerweise gleich 2. Das eine orientiert sich an der Gesamtausgabe von Longo (und heißt auch gleich so, abgekürzt mit L). Allerdings ist diese Ausgabe wegen großer Eingriffe des Herausgebers - es wurden etwa Suiten zusammengestellt - nicht besonders populär. Das zweite Verzeichnis wurde von Ralph Kirkpatrick (K) erstellt und liegt auch der hier rezensierten Gesamteinspielung zugrunde. Wenn man aber doch mal durcheinander kommt, gibt es Listen, die einem helfen.
CembalosonatenMeine Lieblingssonate ist übrigens K427. Affig schnell, schön kurz und transparent und sehr virtuos. Vor allem die effektvoll eingeworfenen Akkordrepetitionen und die abschließende Kadenz machen diese Sonate einzigartig im Werk Scarlattis. Leider ist Belder noch nicht ganz soweit mit dem Einspielen. Derzeit steht er mit CD-Box VI bei K229. Eine gute Aufnahme gibt es aber von Christophe Rousset. Wer es selber spielen möchte, findet die 2 Seiten auch im dritten Band der Scarlatti-Sonaten von Edition Peters.

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M. Herhoffer