Immer wieder D-A-h-f#-G-D-G-A

Kanon in DEigentlich kommt es sehr selten vor, dass ich mich über die Deutschen Single-Charts aufrege. Derzeit sind aber gleich 2 Songs der Kategorie Totalverarsche in den Top5.
Über die Mädels Jungs von ‘Tokio Hotel’ wurde schon viel zu viel geschrieben. Trotzdem meine Meinung: Totale Lachnummer - alleine das Outfit treibt einem die Tränen in die Augen. Allerdings scheint die Masche kommerziell aufzugehen und ich verbuche die ganze Aktion mal unter “da hat einer (ganz im Gegensatz zu mir) Ahnung, wie man mit Musik Geld macht”.
Das 2. No-Go treibt sich derzeit auf 3 herum. Eine Combo namens “Die Firma” rappt sich mit einer ultrapeinlichen Liebeserklärung lange 3min durch den bekanntesten Gassenhauer des Barocks: Der Kanon in D von Johann Pachelbel.
Wenn einem Musiker die Ideen ausgehen - die Quintfallkadenz vom alten Jockl ist immer für einen Hit gut. 28 Mal immer die gleiche Akkordfolge: D A h f# G D G A. Dazu 3 Stimmen in den Violinen (naja, da es ein Kanon ist eigentlich nur eine) und das obligatorische Basso Continuo. Dabei ist das Original eigentlich gar nicht so kitschig, wie es in den Seniorentanztees und Musikschul-Weihnachtskonzerten immer klingt. Die Notation der schnellsten Läufe als 32tel (T19 ff) lassen erahnen, dass Pachelbel wohl ein rasches, beinahe virtuoses Tempo im Sinn hatte. Langsam gespielt zerfällt auch der Melodiebogen im Bass völlig und aus dem leichten, pendelnden Fallen der Quinten werden einzeln wahrnehmbare, flächige Stufen. Außerdem nehmen viele Hörer nur die Harmoniefolge wirklich war - die durchdachte, sich stetig aufbauende Melodie der Kanonstimme kennt kaum einer. Ein Blick in die Noten lohnt sich also.
“Die Firma” sind aber bei weitem nicht die ersten (aber sehr wohl die schlechtesten), die dieses Ostinato in Popmusik einbauen. “Go West” von den Pet Shop Boys ist ebenfalls ein reiner Pachelbel-Kanon, “Streets of London” (Ralph McTell) und “Scatman’s World” (Scatman John) sind es bis auf wenige Takte.
Wem der Kanon in D zu gute-launig ist - schließlich gilt D-Dur in der Wohltemperierten Stimmung als besonders “strahlend” und “hell” - kann eine ähnliche Kadenz mal in Moll ausprobieren - der Einfachheit halber in a-moll: a d G C F hv (also G^7/9) E a. Jeden 2. Akkord könnte man auch durch die Parallele ersetzen - dann gibt es weniger Stress mit verdoppelten Terzen, sofern man die Quintsprünge im Bass vermeiden will. Und auch diese Kadenz war schon für den einen oder andern Nummer1-Hit gut. “I Will Survive” basiert komplett auf diesem Schema. Und auch diese Kadenz ist uralt. Ich hatte schon einen Kanon darüber in der Hand, der noch aus der Zeit Palestrinas stammte und auch Simon Sechter hat damit schon herumgespielt.
Und wenn wir schon beim Aufdecken von geklautem Material in der Popmusik sind:”A Whiter Shade of Pale” basiert auf dem bekannten “Air” aus der Orchestersuite BWV 1068 von J. S. Bach. Das war der einzige kommerziell erfolgreiche Hit der Progressive Rocker Procol Harum.
Bleibt also nur zu hoffen, dass der eine oder andere Musiker mal die Unverfrohenheit besitzt, etwas zu schreiben, das es noch nicht gibt.

4 Antworten auf “Immer wieder D-A-h-f#-G-D-G-A”

  1. Herr Shhhh meint:

    Das Rad neu erfinden? Glauben Sie nicht, dass man in der Populärmusik mittlerweile wirklich alles durchgenudelt hat, was an funktionierenden Akkordfolgen zur Verfügung steht?

  2. d135-1r43 meint:

    Es ist natürlich immer sehr bequem, wenn man auf funktionierende bekannte Hamonien zurückgreift. Das muss aber nicht immer die einzige Lösung sein. Ein gutes Beispiel für was Neues ist etwa “Let Me Entertain You” von Robbie Williams. E - G/E (also e7) - A/E (also A mit Quinte im Bass) - E. Diese Akkordfolge dudelt den ganzen Song durch (im Refrain sind nur die Basstöne anders). Als ich den Song zum ersten Mal gehört habe, kam sie mir erfrischend neu vor. Und auch was Eddie Van Halen in “Jump” gamacht hat ist einzigartig. Nur Tonika, Dominante und Subdominate - das Geheimnis ist der Orgelpunkt auf dem C und ein nicht ganz unwichtiger Anteil Rhythmus. Im Endeffekt aber trotzdem nur 3 Akkorde. Und dennoch wird die Akkordfolge immer und ewig nur mit diesem Song assoziiert werden.

    Meiner Meinung nach muss man gar nicht immer irgendwelche Extreme ausloten. Es gibt in der Musik so viele Möglichkeiten, dass es um jede nicht verwendete Akkordfolge schade ist.

  3. Tom meint:

    Das ist ja mal wieder ein schönes Klugscheissertum. Der Vorrat an für den “normalen” Hörer gefälligen harmonischen Kombinationen ist halt Beschränkt. Wenn man so anfängt, kommt man schnell drauf, daß auch die alten Meister viel voneinander geklaut haben. Wer aber die Qualität eines Liedes ausschliesslich an der harmonischen Struktur misst, outet sich als hölzerner Musikwissenschaftler, der dem kreativen Prozess, der nötig ist, um aus ein paar Akkorden einen Song zu machen, scheinbar keine Bedeutung beimisst. Es gibt ein paar wunderschöne Songs beispielsweise von den Beatles, die auf auch schon damals völlig abgegriffene harmonische Strukturen zurückgreifen, aber durch Originalität in Melodie und Arrangement überzeugen. In der Regel ist es sogar so, daß die besten Songs von Leuten geschrieben werden, die den Begriff Quintfallkadenz noch nicht einmal kennen. Diese Menschen verfügen über ein Talent, daß Herr Obermusiklehrer wahrscheinlich nie auch nur ansatzweise begreifen wird.
    Ob Tokio Hotel oder die Firma zu solchermassen talentierten Menschen gehören ist dabei zweifelsohne fraglich. Ist aber auch egal, weil der Anspruch dieser Leute ja ein ganz anderer ist. Wenn das Hitschreiben mit Hilfe von Quintfallkadenzen, der immer gern gehörten 2-5-1 oder anderen bekannten Strukturen so einfach ist, dann lieber Herr ichdurchschaueuchalle schreib doch mal einen Hit. Vielleicht verdienst dann so viel Geld, daß du uns allen in Zukunft eine solche völlig überflüssige Zurschaustellung deines musikalischen Vokabulars ersparen kannst. Denn darauf läuft es am Ende wahrscheinlich hinaus: Ich hab zwar kein Talent, kenne aber 36 Musiklexika auswendig und erzähl ich jetzt allen mal, worauf es ankommt.
    Danke nein, die einzige Lachnummer hier ist der Herr Klugscheisser selbst.
    Frohe Ostern!

  4. MoT meint:

    Let Me Entertain you d135-1r43 —> hör dir mal oder schaus dir an: Rolling Stones - Sympathy for the Devil …. Von wegen Robbie macht was halbwegs neues. … … …

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M. Herhoffer