Children of Deep Purple

In der aktuellen Ausgabe des Nuclear-Blast-Magazins steht im Artikel zur neuen CD von Children of Bodom doch tatsächlich:

“Nicht wenige verehren Children of Bodom aufgrund ihrer Instrumentalfähigkeiten. Die Duelle zwischen Laiho und seinem Keyboarder Janne Warman sind fast schon legendär, die beiden sind die Richie Blackmore und Jon Lord einer neuen Generation”

Das sind große Worte - doch ist der Vergleich mit diesen Legenden wirklich gerechtfertigt?

Are You Dead Yet?Zuerst mal zur neuen CD: Oberflächlich betrachtet ist die Scheibe “Are You Dead Yet” kompletter Durchschnitt - für eine kommerziell erfolgreiche Band untragbar. Eine solche Aufmachung ist fast schon eine Beleidigung des mit Limited Editions verwöhnten Metallers. Ein ganz normales Case, das Artwork ist aus altem Material zusammengebastelt, keine Lyrics im Heft, nur ein paar langweilige Fotos und das Schlimmste: Nur 37 min Spielzeit. Zieht man das schon letztes Jahr veröffentlichte “Trashed, Lost & Strungout” ab, dann bleiben rund 30 min. EMP legt ob dieser Minimalausstattung darum auch gleich einen völlig unbrauchbaren Gürtel mit CoB-Logo dazu.
Doch jetzt zur Musik: Ein “Back to the Roots” gibt es auch bei dieser CD nicht. “Are You Dead Yet” ist genauso hart und kantig wie “Hate Crew Deathroll”. Die dominanten, glatten Melodiebögen der früheren Jahre gibt es nur noch selten. Dazu kommt, dass der Sound recht gewöhnungsbedürftig abgemischt ist. Laihos Geschrei ist kaum zu hören (zu verstehen war es noch nie), dafür umso mehr sein Gitarrengefrickel. Die mehr als unterdurchschnittlichen Drums zerhauen den ganzen Sound und Warman neigt dieses Mal noch mehr als sonst dazu, mehr Sounddesigner als Keyboardvirtuose zu sein. Um es kurz zu machen: Es gibt Besseres von CoB. Allerdings machen die technisch virtuosen Soli und Riffs einiges wieder wett. Auf Midtempo-Langweiler wurde auch verzichtet. Ein weiteres Plus.
Zurück aber zum Vergleich mit den Mannen von Deep Purple (und mit Deep Purple meine ich ausschließlich die Mk1- und Mk2-Besetzungen). Es drängen sich wirklich ganz offensichtliche Parallelen mit den Legenden des Hardrocks auf. Wie Richie Blackmore hat auch “Wildchild” Laiho die Band fest im Griff und baut seine Soli vor Allem auf unübertroffene Spieltechnik auf. Wie Jon Lord hat auch Janne Warman Keyboards in einem von Gitarren dominiertem Genre salonfähig gemacht. Wie bei Deep Purple muss man bei jedem Solo genau hinhören, ob es mit Gitarre oder Hammond/Synthie gespielt wird.
Allerdings vermisse ich bei Children of Bodom einige ganz wichtige Dinge, die Deep Purple ausmachen: Zu aller erst die unglaubliche Spontaneität - auch und vor allem bei den Soli. CoB komponiert technisch komplizierte Soli, Deep Purple improvisiert technisch komplizierte Soli. Das ist ein ganz gewaltiger Unterschied! Zudem hat Deep Purple auf der Bühne eine ganz andere Attitüde als CoB. Man stelle sich nur mal vor, Laiho würde wie Blackmore vor 30.000 Leuten “Greensleave” (so geschehen auf der California Jam 1974) spielen - oder Warman würde mal schnell wie Lord “Hava Nagila” zocken (zu hören auf “Made in Europe”). Um Legenden zu werden braucht man mehr als Children of Bodom derzeit bieten können!

Übrigens: Keyboarder Janne Warman hat (naja: ebenfalls wie Jon Lord) ein haupsächlich von klassischer Musik inspiriertes Nebenprojekt. Unter dem Namen “Warmen” sind bis dato 3 Alben veröffentlicht - das neueste erst diesen Monat. Zu bekommen sind vor allem die älteren Scheiben nur in Finnland. Ein Versuch bei eBay kann auch erfolgreich sein, sofern man alle “warmen” Pullover und “warmen” Mäntel durch geschickte Kategorie-Auswahl herausfiltert.

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M. Herhoffer