Cyberpunk Made in Japan

Blame!, Bd. 1 Was man unter Cyberpunk genau versteht, weiß eigentlich keiner so richtig. Es ist wohl ein Untergenre von Science-Fiction - irgendwo angesiedelt zwischen philosophischen Abhandlungen und futuristischer Ästhetik. Die Matrix-Triologie gehört wohl dazu, ebenso Blade Runner und 1984. Alles in Allem findet man also zumindest so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Menschen, Technik und Pessimismus in einer dystopischen Welt.
Mit einem Medien-Genre verträgt sich die Idee von Cyberpunk aber besonders gut. Mit Animes und Mangas. Darum hier eine kleine Übersicht über die wichtigsten Meilensteine der letzten paar Jahre.
Blame!, Bd. 10BLAME! ist sicherlich einer der auffälligsten Mangas, die man in einem Comicladen so finden kann. Der Zeichner Tsutomu Nihei, ein studierter Architekt, schwärzt die Seiten mit rauer, aber dennoch detaillierter Linienführung regelrecht zu. Er entwirft eine Welt, in der sich der Protagonist Killy durch die Megastruktur kämpft, ein riesiger verworrener Komplex ohne Tageslicht. Er ist auf der Suche nach Netzwerkgenen, um damit die Megastruktur zu retten (?). Kommunikation (in Form von Sprechblasen) gibt es nur äußerst selten, dafür dominieren Tod und Gewalt. Fast schon revolutionär ist das Charakter-Design der nicht-humanoiden Lebensformen in den Megastruktur. Die Kombination von organischen und technischen Elementen schafft eine Ästhetik, die selbst mit den besten CGI-Effekten nicht zu schaffen wäre. [10 Bände, abgeschlossen, Egmont]
Ghost in the Shell - Ultimate Edition Ghost In The Shell - Stand Alone Complex, Vol. 1Selbst Mainstream-Filmfans dürfte der Anime-Kinofilm Ghost in the Shell (1995) bekannt sein. Die meisten Menschen sind Cyborgs, die technische Umsetzung des menschlichen Gehirns ist aber nicht möglich. Der Geist des Menschen befindet sich in der Shell. Ein Hacker hat jedoch einen Weg gefunden, in diese Shell einzudringen. Neben dieser Primärhandlung dreht sich der Film hauptsächlich um die Polizistin Major Motoko Kusanagi, selbst ein Cyborg, die nun direkt mit den Fragen nach ihrer menschlichen Identität und ihrem freien Willen. Der Film war ganz offiziell Inspiration für die Matrix-Filme. Es gibt eine direkte Fortsetzung “Ghost in the Shell 2: Innocence” (2004) und eine Animeserie “Ghost in the Shell: Standalone Complex” (ab 2003), die aber eine von den Filmen unabhängige Handlung hat. [Alle DVDs gibt es mit dt. Synchr.]
Lain - Serial Experiments, Vol. 01 Lain - Serial Experiments, Vol. 03In puncto Unverständlichkeit liegt aber der 13teilige Anime Serial Experiments Lain an erster Stelle. Eine Story gibt es kaum - alles dreht sich um ein junges Mädchen namens Lain, dessen reales Umfeld immer mehr mit dem Internet (in der Serie Wired genannt) verschwimmt. Lain ist sowohl Teil der physischen als auch der virtuellen Welt.
In diesem Umfeld spielt der Regisseur Ryutaro Nakamura auf Elemente der Psychologie, Philosophie, Netzkultur und nicht zuletzt auf verschiedene Verschwörungstheorien des 20. Jahrhundert an. Die Serie darf nicht konsumiert werden, sondern muss interpretiert werden. [Alle Folgen auf DVD mit dt. Synchro erschienen]
.hack//SIGN Vol. 02Wenn man die Serie .hack//SIGN oberflächlich betrachtet, würde man sie eher dem Fantasy-Genre zuordnen. Dort ist sie aber falsch: Die komplette Geschichte spielt nämlich in der virtuellen Welt eines Role Play Games (RPG). Während alle Charaktere von realen Personen am Computer gesteuert werden, scheint Tsukasa keinen realen Counterpart zu haben. Die Grenzen der Fantasy-Welt und der realen Welt verwischen zunehmend. Ein kompromissloses Stilmittel der Serie ist, dass es keine Filmsequenzen aus der realen Welt gibt. Ansonsten gibt es wenig Action, dafür viel philosophische (?) Dialoge und komplexe Beziehungen. [Alle Folgen mit dt. Synchro auf DVD erhältlich].

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M. Herhoffer