A soft da-dum, da-dumm, with a lush fade-out
am 14. November 2006 über Kritik, MusikMicrosoft hat im eigenen Newsportal msnbc.com den neuen Startup-Sound von Windows-Vista veröffentlicht. “A soft da-dum, da-dumm, with a lush fade-out” meint der Artikelschreiberling. Was man im Endeffekt zu hören bekommt ist das banalste der Welt: Eine stilisierte Naturtonreihe mit nur 3 unterschiedlichen Tönen.

Um gleich zu meiner Meinung zu kommen: Ich finde ihn ziemlich belanglos. Aus mehreren Gründen. Der Sound besteht aus einer reinen Quinte und einer reinen Quarte. Nicht “rein” im Sinne von “nicht vermindert oder erhöht”, sondern im Sinne von “reine Stimmung”. Das ist mir schlicht zu banal und unkonkret. Kein Charakter - nur Geräusch. Ebenso ist ein Glockenklang naturgemäß sehr obertonlastig und damit schwer greifbar. Die Sache wäre zumindest halbwegs ertragbar, läge auf der Tonhöhe nicht ein Envelope, der die Frequenz ganz komisch variiert. Ist der zweite Ton der “selbe” wie der dritte? Wie dem auch sei: Microsoft (bzw. der Musiker) hat alles richtig gemacht. Quinten und Quarten sind der kleinste Nenner für das internationale Hören - niemand wird den Sound als störend, ungewohnt oder “exotisch” empfinden. Darum hat Microsoft wohl das geringste aller Übel gewählt. Ein Asiate oder Araber wie auch ein Europäer wird sich damit anfreunden können müssen. In allen musikalischen Kulturräumen sind Quinten und Quarten verbreitet. Alle anderen Intervalle unserer 12-Tonleiter oder gar westliche Dur-Moll-Harmonik sind das nicht.
Ganz andere Wege gehen da Konzerne, die weder im arabischen noch im asiatischen Raum agieren. Etwa die Deutsche Telekom. Deren Jingle geht so:

Eine große Terz! Da das westliche Ohr immer in Dur und Moll denkt, ist die große Terz mit ihrer Nähe zum strahlenden Dur eine willkommene Konnotation. Zusätzlich passt die Unterteilung in 2er-Potenzen zur westlichen 1-2-4-8-….-Ästhetik. Wenn man sich einmal die klassischen Klischees von asiatischer und arabischer Volksmusik vor Ohren ruft, wird einem schnell klar dass der T-Com-Jingle für viele Menschen etwas sehr exotisches wäre. Zudem der Klang: ein Klavier - ein typisch westliches Instrument.
Ein weiteres typisches Jingle, das jeder kennt, ist der Klingelton von Nokia. Hier ist die Urheberrechtsfrage mehr als offen. Die 4 Takte stammen aus dem “Gran Valse” von Francisco Tárrega. Tárrega war ein (heute nicht mehr ganz so bekannter) romatischer Gitarrist und Komponist. Nokia hatte darum bis gegen Ende der 90er Jahre den Klingelton auch unter “Gran Valse” im Handy-Menü aufgeführt. Doch irgendwann wurde er in “Nokia tune” umbenannt und Nokia erhob Copyright darauf. Angesichts dieser offensichtlichen Situation betrachte ich den “Gran Valse” als Public Domain (Francisco Tárrega starb 1909). Somit darf man sowohl den ganzen Walzer als auch ein Exzerpt davon frei veröffentlichen:

Dieses Jingle verfolgt eine völlig andere Strategie. Nicht Einfachheit und Klarheit stehen im Vordergrund, sondern ein möglichst hoher Wiedererkennungswert aufgrund der Einzigartigkeit. Zudem ist die Tonfolge recht schwer zu merken. Ohne in die Originalvorlage zu schauen, hätte ich ihn nicht notieren können. Die Harmonik ist irgendwie schwebend, erst die letzten 3 Töne bilden soetwas wie ein harmonisches Fundament.
Übrigens: Auf dem Foto, das MSN von dem Vista-Sound-Komponisten zeigt, ist ein Nord Lead (oder Nord Modular). Ich habe keine Ahnung, ob das Ding tatsächlich für den Sound verwendet wurde oder ob es nur Foto-Requisite ist. Wie dem auch sei: Mit einem Nord Stage habe ich einst einmal einen Startup-Sound aufgenommen, der meinen Vorstellungen von einem dezenten “da-dum, da-dumm, with a lush fade-out” entspricht.

