Archiv für Dezember 2006

Neues aus dem MySpace-Underground

am 30. Dezember 2006 über Musik, Review

Als Hörer von alternativer Alterternativ-Musik wie den diversen Spielarten des Metal ist es ein notwendiges Übel, die Spreu vom Weizen zu trennen, um CD-Fehlkäufe zu minimieren. Neben den meist nur spärlich vorhandenen Klangproben im Netz und etwaiger Mund-zu-Mund-Propaganda ist vor allem das Internet und die Fachpresse mit ihren Reviews und Beschreibungen die primäre Quelle zur A-Priori-Evaluation einer CD. Das dort vorhandene Verständnis von „Underground“ macht es allerdings mitunter sehr schwierig, die Semantik jener Texte in die Wirklichkeit abzubilden. Eine sehr kuriose, nahezu geheimnisvolle Sprache hat sich da entwickelt. Hier eine kurze Auflistung der wichtigsten Chiffren und Bezeichnungen:

Undergound: „MySpace“
erfolgreich im Underground: mehr als 3 Freunde bei „MySpace“
Underground-Club: Jugendhaus
Underground-Tournee: mehrere Jugendhäuser
atmosphärisch: Keyboardgekleister
episch: noch mehr Keyboardgekleister
progressiv: Band hat keine Ahnung von Harmonielehre
experimentell: Band hat keine Ahung von Harmonielehre und Spieltechnik
Jazz-Einflüsse: Einflüsse aus einem Genre, das nicht Metal ist
rauer Sound: kein Mastering
roher Sound: kein Mastering und kein Pre-Mastering
Studio: PC mit „Cubase“
Underground-Studio: alter PC mit Raubkopie von „Cubase“
limitierte Auflage: kein Geld für Vorfinanzierung vorhanden
streng limitierte Auflage: On-Demand auf CD-R
Album: Demo
Demo: Müll
besser als „Horde“: schlechter als „Horde“

Verdrehte Symbolik

am 25. Dezember 2006 über Glaube

PetruskreuzAuf Metal-Plattencovern, als käuflicher Kettenanhänger in Spielzeugläden und als nettes Accessoire besonders böser Bands findet das um exakt 180° gedrehte christliche Kreuz gerne Verwendung. Heute wird es neben dem Pentagramm in erster Linie als ein Symbol für Satanismus and anti-christliches Gedankengut interpretiert. Der Unblack-Metal-Schreihals „Horde“ fordert in seinem größten Schlager gar: „Invert The Inverted Cross“.

Völliger Unsinn! Das invertierte Kreuz ist seit nunmehr rund 1900 Jahren ein christliches Symbol. Nämlich das Symbol von Simon Petrus. Dieser Apostel Petrus war als solcher zu seiner Zeit eher unbeliebt bei der römischen Staatsgewalt und wurde, wie schon andere vor ihm, zum Tode am Kreuz verurteilt. Er empfand sich aber als zu gering, den selben Tod wie Jesus zu sterben. Darum bat er darum, auf dem Kopf stehend gekreuzigt zu werden. Mit anzunehmender Sicherheit setzten seine Vollstrecker diesen kreativen Wunsch mit Freude um.

Kreuzigung Petrus
„Kreuzigung des Apostel Petrus“ (1601), Caravaggio (1571-1610)

So steht das zwar nicht in der Bibel (was im Wesentlichen daran liegt, dass die „Taten der Apostel“ zu früh aufhören), die frühen Kirchenväter wie Dionysius von Korinth hinterließen jedoch halbwegs amtliche Zeugnisse dessen.

Und auch eine christliche Rezeption des gedrehten Kreuzes ist durchaus vorhanden. Vor allem in der mittelalterlichen Kunst, aber auch in Wappen, Siegeln und als Kirchturmspitze von Petrus-Gemeinden ist das Kreuz zu finden. Teilweise sogar mit verblüffender Ähnlichklichkeit zu Thors Hammer, da das kurze senkrechte Element gerne etwas kürzer ausfällt.

In Kombination beider Interpretationen ergibt sich jedoch auch ein interessantes Missverständnis. Die Satanisten sehen im invertierten Kreuz den Anti-Christ, andere ein Symbol für den Apostel Petrus - der widerum nach Ansicht der Römischen Kirche der erste Papst war. Ein herrlicher Nährboden für das Papstverständnis evangelikaler Christen mit alternativer Lehrmeinung.

„So nicht!“

am 20. Dezember 2006 über Development, Kritik

Ich durfte heute erleben, wie eine ältere Dame mit einer gewissen Unsicherheit, aber dennoch in stoischer Gelassenheit gleich mehrere Münzen in einen Fahrkartenautomaten warf. Leider aber nicht in den Münzschlitz, sondern in jenen für die „Geldkarte“. Als ich die Dame freundlich über die von ihr eben getätigte Dummheit in Kenntnis setzte, war es für einen beträchtlichen Teil ihres Geldes bereits zu spät. Nur noch ein paar Zehncent-Stücke ließen sich mit dem fachmännischen Einsatz eines allzeit bereiten Schweizer Messers retten, der Rest war hoffnungslos im Nirvana des Automaten verschwunden beziehungsweise verklemmt. Energische Versuche der älteren Dame, den Automaten durch Druck der Taste „C“ zum Wiederausgeben des Geldes zu bewegen blieben erwartungsgemäß erfolglos. Nur durch intensive psychologische Betreuung einer weiteren Dame, die herbeigeeilt war, konnte die um ihr Geld betrogene Dame besänftigt werden.

Was lernen wir daraus:

  1. Man sollte unwichtige Dinge wie einen Schlitz für die „Geldkarte“ nicht feuerrot und unbeschriftet in das optische Zentrum des Bedienfeldes rücken.
  2. Man sollte wichtige Dinge wie den Schlitz für herkömmliches Geld nicht dezent, schwarz und unauffällig am oberen Rand des Automaten platzieren.
  3. Man sollte im wahrsten Sinne des Wortes einen „Fallback“ einbauen, der versehentlich in irgendwelche Öffnungen gesteckte Gegenstände durchfallen lässt und im Wechselgeldbehälter wieder zu Tage fördert.
  4. Man sollte immer vom „Worst Case“ ausgehen.

Wenigstens hat jetzt ein Techniker wieder was tun, indem er den Kartenschlitz von verkanteten Münzen befreien darf und der Schwarzfahrer hat eine Ausrede, dass er an einem defekten Automaten mit seiner „Geldkarte“ kein Ticket beziehen konnte.

Orgelplagen

am 19. Dezember 2006 über Glaube, Kritik, Musik

SchwachsinnNur damit der Rest der Welt einmal eine Ahnung bekommt, mit welchen Auswüchsen non-urbanem provinzialischem Schwachsinn sich der gemeine Landorganist ärgern darf: Das Bild ist eigenhändig mit meiner Telefonkamera aufgenommen und zeigt die Disposition einer Orgel, für die zu spielen ich bezahlt werde. Der Kenner wird bereits beim ersten Studieren des Bildes vom Stuhl gefallen sein, für alle anderen eine kurze Erklärung: Die Orgel klingt wie ein Orchester aus Oboen, Klarinetten und Akkordeonen. Da ist es verdammt schwierig, gewisse Grundsätze würdig umzusetzen. Wohlgemerkt: Links ist Manual I, rechts Manual II. Und für so etwas hat der Kirchensteuerzahler 5 Prozent seines Einkommens geopfert.

Wer jetzt behauptet, man könne doch einen Cantus Firmus spielen, der möge dies bitte testweise in just jener Kirche ausprobieren und die Stimmen zählen, die dann noch mitsingen.

Die Atheistische Religion

am 5. Dezember 2006 über Glaube, Internet

Wenn man der Hotlist von Reddit.com Glauben schenken kann, dann ist der moderne Netzmensch wohl ein gottloser. Es vergeht kaum ein Tag ohne Artikeln über Richard Dawkins in den oberen Positionen. Doch inzwischen wird nicht nur sein klassischer rationale Atheismus salonfähig - die Benennung von Religion als “Wurzel alles Übels”, als “Geisel der Menschheit” und “Grund aller Kriege” wird kopfnickend von allen rezipiert, die so ihrer antitheistische Weltanschauung Sinn geben wollen.

Dabei definiert sich der Atheist an sich und Richard Dawkins im Speziellen über das Nichtvorhandensein eines Glaubens. Er etabliert seine Anschauung als gleichberechtigtes Element neben den Religionen. Er betreibt einen nahezu missionarischen Eifer. Der gemeine zweifelnde Agnostiker sieht in Richard Dawkins nun endlich einen, dem er nachfolgen kann. Einer, der die Ungewissheit mit der ach so offensichtlichen Gewissheit beweisen kann. Einer, der dem Zweifelnden das Denken abnimmt. Wer die γνώσις (Erkenntnis) nicht findet, braucht eine Bestätigung, dass er sie nicht außerhalb seines Menschseins zu suchen braucht.

Geblendet von der scheinbaren Einfachheit von Logik, Implikationen und Naturwissenschaft wird die Evolutionstheorie zum Kernpunkt des Anti-Kreuzzuges. Während man mit wissenschaftlichen Beweisen, logischen Folgerungen und archäologischen Funden argumentiert muss man sich zwangsläufig aus dem Fundus des wissenschaftlichen Paradigmas bedienen. Und schon damit fällt die Argumentation. Denn das Paradigma des Christentums ist schon zu diesem Zeitpunkt, also vor jeglicher Diskussion, inkompatibel geworden. Der Anhänger der Religion der Wissenschaft fragt nach der Entstehung des Lebens unter den Gesetzen der Logik. Er findet einen Ist-Status, den es zu Entschlüsseln gilt. Das Lösen dieses Rätsels - oder ganz opportun: das Kennen von Antworten anderer - ist seine Erkenntnis. Der Christ weiß mehr. Er weiß, dass er zwischen dem ersten Advent und dem letzten lebt. Er kennt den Soll-Zustand (der Mensch bei Gott), den Ur-Zustand (der Mensch gefallen von Gott), den Ist-Zustand (Jesus Christus als Erlöser der Menschen) und den Wird-Zustand (der Mensch bei Gott durch Christus). Somit ist der wesentliche Teil der wissenschaftlichen Erkenntnis uninteressant geworden. Die wichtigen Eckpfeiler sind gesetzt. Das ziellose Suchen der Wissenschaft ist für den Christ eine weltliche Notwendigkeit, aber nicht der Schlüssel zu seiner Erkenntnis wie es vom Atheisten verstanden wird.

Somit steht die Wissenschaft dem Christentum zurück. Sie kann keine Antworten bieten sondern sucht sie des Suchens willen. Die wichtige kausale Frage kann nicht gelöst werden. Die Wissenschaft ist nichts weiter als ein schwer zu beherrschendes Werkzeug. Wer darin Erkenntnis sucht, wird nichts finden.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
Dieses war im Anfang bei Gott.
Alles ward durch dasselbe, und ohne dasselbe ward auch nicht eines, das geworden ist.
In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt.

Joh. 1:1-5

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M. Herhoffer