Die Atheistische Religion

Wenn man der Hotlist von Reddit.com Glauben schenken kann, dann ist der moderne Netzmensch wohl ein gottloser. Es vergeht kaum ein Tag ohne Artikeln über Richard Dawkins in den oberen Positionen. Doch inzwischen wird nicht nur sein klassischer rationale Atheismus salonfähig - die Benennung von Religion als “Wurzel alles Übels”, als “Geisel der Menschheit” und “Grund aller Kriege” wird kopfnickend von allen rezipiert, die so ihrer antitheistische Weltanschauung Sinn geben wollen.

Dabei definiert sich der Atheist an sich und Richard Dawkins im Speziellen über das Nichtvorhandensein eines Glaubens. Er etabliert seine Anschauung als gleichberechtigtes Element neben den Religionen. Er betreibt einen nahezu missionarischen Eifer. Der gemeine zweifelnde Agnostiker sieht in Richard Dawkins nun endlich einen, dem er nachfolgen kann. Einer, der die Ungewissheit mit der ach so offensichtlichen Gewissheit beweisen kann. Einer, der dem Zweifelnden das Denken abnimmt. Wer die γνώσις (Erkenntnis) nicht findet, braucht eine Bestätigung, dass er sie nicht außerhalb seines Menschseins zu suchen braucht.

Geblendet von der scheinbaren Einfachheit von Logik, Implikationen und Naturwissenschaft wird die Evolutionstheorie zum Kernpunkt des Anti-Kreuzzuges. Während man mit wissenschaftlichen Beweisen, logischen Folgerungen und archäologischen Funden argumentiert muss man sich zwangsläufig aus dem Fundus des wissenschaftlichen Paradigmas bedienen. Und schon damit fällt die Argumentation. Denn das Paradigma des Christentums ist schon zu diesem Zeitpunkt, also vor jeglicher Diskussion, inkompatibel geworden. Der Anhänger der Religion der Wissenschaft fragt nach der Entstehung des Lebens unter den Gesetzen der Logik. Er findet einen Ist-Status, den es zu Entschlüsseln gilt. Das Lösen dieses Rätsels - oder ganz opportun: das Kennen von Antworten anderer - ist seine Erkenntnis. Der Christ weiß mehr. Er weiß, dass er zwischen dem ersten Advent und dem letzten lebt. Er kennt den Soll-Zustand (der Mensch bei Gott), den Ur-Zustand (der Mensch gefallen von Gott), den Ist-Zustand (Jesus Christus als Erlöser der Menschen) und den Wird-Zustand (der Mensch bei Gott durch Christus). Somit ist der wesentliche Teil der wissenschaftlichen Erkenntnis uninteressant geworden. Die wichtigen Eckpfeiler sind gesetzt. Das ziellose Suchen der Wissenschaft ist für den Christ eine weltliche Notwendigkeit, aber nicht der Schlüssel zu seiner Erkenntnis wie es vom Atheisten verstanden wird.

Somit steht die Wissenschaft dem Christentum zurück. Sie kann keine Antworten bieten sondern sucht sie des Suchens willen. Die wichtige kausale Frage kann nicht gelöst werden. Die Wissenschaft ist nichts weiter als ein schwer zu beherrschendes Werkzeug. Wer darin Erkenntnis sucht, wird nichts finden.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
Dieses war im Anfang bei Gott.
Alles ward durch dasselbe, und ohne dasselbe ward auch nicht eines, das geworden ist.
In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt.

Joh. 1:1-5

4 Antworten auf “Die Atheistische Religion”

  1. coach meint:

    Hey,

    klasse Artikel. Ich hab vor kurzem auch einen Clip gesehen wo Dawkins zu Gast war in der US (comedy) show The Colbert Report. Er wollte sein neustes Buch vorstellen, aber am Ende hat er sich samt seiner Theorie eigentlich nur selbst vorgeführt.

  2. c6ris meint:

    Dem letzten Absatz kann ich durchaus zustimmen, die Wissenschaft kann die Frage nach dem “Warum” nicht beantworten.

    Von Dawkins’ Auftritt im Colbert Report hatte ich allerdings einen etwas anderen Eindruck:
    http://www.youtube.com/watch?v=UuXpysYEhgA&eurl=

    Allerdings muss man auch bedenken, dass in dieser Sendung eine Diskussion über derart ernsthafte Themen so gut wie nicht möglich ist, während Colbert in seiner Rolle als Erz-Republikaner agiert.

  3. d135-1r43 meint:

    Hhm, soweit ich weiß ist Colbert auf der Seite der Demokraten. Zumindest hat er in seinem legendären Auftritt im Weißen Haus ordentliches Bush-Bashing abgelassen:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Stephen_Colbert_at_the_2006_White_House_Correspondents%27_Association_Dinner
    Seine Show ist aber tatsächlich eher im konservativen Lager angesiedelt.

    Ansonsten fand ich das Video sehr interessant. Ich kannte es nicht und es hat gezeigt, dass Dawkins nur so lange überzeugend auftreten kann solange er die rhetorische Oberhand hat.

  4. c6ris meint:

    Ach so, bevor weitere Verwirrung wegen Colbert auftritt:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Stephen_Colbert_%28character%29
    “… he portrays a caricature of a right wing … ”

    Der Grundsatz der Colbert Show besteht darin, dass er durch seine Darbietung die “republikanischste” und fundamentalistischste möglichen Positionen einnimmt und dabei diese auch immer wieder selbst aufs Horn nimmt.

    In diesem speziellen Interview wirkt das allerdings nicht besonders gut, Colbert hatte gelegentlich sichtlich Probleme “in der Rolle” zu bleiben - ich denke das Format der Sendung eignet sich einfach nicht für derartige Diskussionen.

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M. Herhoffer