Verdrehte Symbolik
Auf Metal-Plattencovern, als käuflicher Kettenanhänger in Spielzeugläden und als nettes Accessoire besonders böser Bands findet das um exakt 180° gedrehte christliche Kreuz gerne Verwendung. Heute wird es neben dem Pentagramm in erster Linie als ein Symbol für Satanismus and anti-christliches Gedankengut interpretiert. Der Unblack-Metal-Schreihals „Horde“ fordert in seinem größten Schlager gar: „Invert The Inverted Cross“.
Völliger Unsinn! Das invertierte Kreuz ist seit nunmehr rund 1900 Jahren ein christliches Symbol. Nämlich das Symbol von Simon Petrus. Dieser Apostel Petrus war als solcher zu seiner Zeit eher unbeliebt bei der römischen Staatsgewalt und wurde, wie schon andere vor ihm, zum Tode am Kreuz verurteilt. Er empfand sich aber als zu gering, den selben Tod wie Jesus zu sterben. Darum bat er darum, auf dem Kopf stehend gekreuzigt zu werden. Mit anzunehmender Sicherheit setzten seine Vollstrecker diesen kreativen Wunsch mit Freude um.

- „Kreuzigung des Apostel Petrus“ (1601), Caravaggio (1571-1610)
So steht das zwar nicht in der Bibel (was im Wesentlichen daran liegt, dass die „Taten der Apostel“ zu früh aufhören), die frühen Kirchenväter wie Dionysius von Korinth hinterließen jedoch halbwegs amtliche Zeugnisse dessen.
Und auch eine christliche Rezeption des gedrehten Kreuzes ist durchaus vorhanden. Vor allem in der mittelalterlichen Kunst, aber auch in Wappen, Siegeln und als Kirchturmspitze von Petrus-Gemeinden ist das Kreuz zu finden. Teilweise sogar mit verblüffender Ähnlichklichkeit zu Thors Hammer, da das kurze senkrechte Element gerne etwas kürzer ausfällt.
In Kombination beider Interpretationen ergibt sich jedoch auch ein interessantes Missverständnis. Die Satanisten sehen im invertierten Kreuz den Anti-Christ, andere ein Symbol für den Apostel Petrus - der widerum nach Ansicht der Römischen Kirche der erste Papst war. Ein herrlicher Nährboden für das Papstverständnis evangelikaler Christen mit alternativer Lehrmeinung.


27. Dezember 2006 um 17:17
Woher kommt dann aber die Verbindung zwischen umgedrehtem Kreuz und dem Antichristen bzw. Teufel? Diese muss ja auch ihren Ursprung haben bei der imensen Menge an symbolischen Anhängern.
27. Dezember 2006 um 20:07
Das weiß ich nicht. Die Legende, Aleister Crowley hätte da seine Finger im Spiel, glauben ich und jene, die sich damit besser auskennen, nicht. Somit taucht das “Invertierte Kreuz” tatsächlich wohl nur im Umfeld von Death/Black/Thrash Metal auf. Wobei mich echt interessieren würde, wer das “erfunden” hat. Dio und Ozzy samt Anhang scheiden aus - ich hab das bei denen noch nie gesehen. Ein besserer Anfangsverdacht wäre vielleicht Slayer.
29. Dezember 2006 um 17:43
Bad Religion d-.-b
31. Januar 2007 um 16:25
Als satanistisches bzw. anti-christliches Symbol wurde das umgedrehte Kreuz in der Musik bereits Ende der Sechziger von „Coven“ angewandt, der heimliche Satanist Polanski zeigte es bereits 1968 in „Rosemary’s Baby“. Populär wurde es dann im Metal-Bereich spätestens zehn Jahre später mit „Venom“ oder „Mercyful Fate“. Dem voraus gingen aber bereits seit den Dreißigern etliche B-Movies, in denen das umgedrehte Kreuz gezeigt wurde. Frühere Vorkommen in anderen Bereichen sind mir nicht bekannt, aber fast würde ich mich wundern, wenn es sich nicht bereits in der Trivialliteratur früherer Jahrzehnte finden ließe.
31. Januar 2007 um 20:18
Das bringt schon mal etwas mehr Licht ins Dunkel (oder Dunkel ins Licht, je nach Sichtweise). Wenn du gute Quellen hast, dann kannst du ja den Artikel in der WP zum Petruskreuz ergänzen. Vielleicht beugt eine umfangreichere Erklärung der anti-christlichen Rezeption gegen den doch recht häufig auftauchenden Vandalismus vor.
6. Juni 2007 um 10:56
[...] d135-1r43 hat in seinem Weblog noch ein weiteres Beispiel aufgezeigt, nämlich die Bedeutung des um 180° Grad gedrehten, christlichen Kreuzes. [...]
6. Juli 2007 um 13:35
Schaut in das Booklet des ersten Black Sabbath-Albums, dort werdet Ihr es finden.
13. Juli 2007 um 19:53
Eigentlich wollte ich diesen Kommentar in den Weblog des namenlosen jungen Netzbürgers zwei Reihen über mir einpflegen, doch spielt dort offenbar WordPress verrückt und erkennt die eingegebenen Captchas nicht korrekt – und eine ganz altmodische E-Mail-Adresse fand ich ebenso wenig vor. Sei’s drum, hier paßt’s letzten Endes genau so gut; man verstehe diesen Text als Ergänzung meines Kommentars vom 31. Januar:
„Richtig“ oder „falsch“ sind Kategorien, die sich in dieser Frage, meine ich, nicht anbieten. Beide Lesarten, sowohl die christliche als auch die antichristliche, sind meines Erachtens gleichermaßen „legitim“. Tatsächlich ist die christliche Lesart älter, beträchtlich älter sogar, dafür ist die antichristliche heute umso verbreiteter – tatsächlich ist sie die einzige, die nach meiner Wahrnehmung überhaupt noch eine nennenswerte Rolle spielt. Und das liegt, glaube ich, nicht nur am regen Gebrauch des Symbols in der Populärkultur, sondern vor allem daran, daß vor allem in „unserem“ Kulturkreis die Invertierung eines Symbols gemeinhin eben tatsächlich mit einer Umkehrung der damit assoziierten Werte verbunden wird – das Kreuz ist da ja beileibe kein Einzelfall.
Die antichristliche Lesart ist nach meinem Verständnis somit die „logischere“, wenigstens aber die intuitiver faßbare, und Symbole sind ja grundsätzlich alles andere als statisch. Ganz im Gegenteil ist doch das Kreuz selbst – so herum, wie seine Macher es sich vorstellten, meinethalben auch mit gleich langen Schenkeln – ein vortreffliches Beispiel dafür, wie die Rezeption eines Symboles sich im Laufe der Jahr(hundert)e wandeln kann.
1. Januar 2008 um 14:23
Mein Vorgänger scheint die Geschichte um die Invertierung des Kreuzes schon eingehend erläutert zu haben - ich möchte nur anfügen, dass innerhalb von satanistischen Kreisen durchaus klar ist, was ein antichristliches Kreuz darstellt und wie ein Petruskreuz aussieht. Demnach gilt nur ein umgedrehtes Kreuz mit einem Korpus Christi oder zumindest einem Dornenkranz als eindeutiger Hinweis auf das Kreuz Christus und damit als antichristliches Symbol (eben aufgrund der Umkehrung). Solange diese Details nicht auftreten bleibt das invertierte Kreuz auch ein Petruskreuz.