Dann mach ich halt wenigstens deinen MBR kaputt

Professionelle Software braucht manchmal unprofessionelle Betriebssysteme. Um meine Ideen, die sich in Form von mit Bleistift geschriebenen Noten auf Papier schon zu lange stapeln, in ein akustisches Kleid zu betten, kaufte(!) ich mir mein eigenes privates Sinfonieorchester in Form von Motu Symphonic Instruments. Mein Notebook, das ausschließlich für die mobile Klangerzeugung und -verarbeitung ausgelegt ist, beherbergt sowohl Windows XP als auch ein Gentoo Linux mit den RT-Kernelquellen des „pro-audio“ Overlays. Dort läuft die Software unter Windows eher schlecht als recht. Die Latenz ist zwar im Bereich des Erträglichen, mit mehr als drei Kanälen gleichzeitig hält das System aber nicht mit. Zum live spielen mit maximal zwei Händen à fünf Finger also ausreichend, für ein Arrangement mit Sequenzer aber nicht. Darum muss nun Windows auf meinen PC, der in Personalunion auch gleichzeitig mein Heimstudio ist und bisher ausschließlich mit Gentoo Linux läuft.
Also legte ich die Windows-XP-CD ein, wartete recht lange auf das Erkennen der Hardware, akzeptierte widerwillig die EULA und widmete mich dann der Formatierung meiner Platte. Das ging aber nicht. Windows XP kann wohl keine ext2-Partition in NTFS umwandeln. Es kann sie nicht einmal löschen. Genaugenommen kann der Setup gar nichts außer eine leere Partition mit NFTS verseuchen.

Nun galt es also das Setup abzubrechen, um mit geeignetem Programm den Ansprüche von Microsoft genüge zu werden. Wäre recht einfach gewesen, hätte der Setup nicht zu diesem Zeitpunkt schon den MBR überschrieben. Dieses Konzept erschließt sich mir leider nicht ganz: Warum wird der MBR überschrieben, bevor überhaupt nur ein einziges Byte auf die Platte kopiert wurde? Baut Microsoft zuerst den Wegweiser und dann die Stadt?

Wie dem auch sei: Reparieren war angesagt. Im Ermangeln einer Boot-Diskette oder Boot-CD musste ich wohl einen chroot ausführen. Hier nun eine kleine Liste für alle, die einmal Ähnliches tun müssen:

  1. LiveCD booten
  2. die Root-Partition der Festplatte mounten, etwa nach /mnt/root
  3. die Boot-Partition, sofern vorhanden, mounten; nach Konvention nach /mnt/root/boot
  4. das Proc-System mounten bzw. erstellen; das geht mit mount -t proc none /mnt/root/proc
  5. das Dev-System mounten bzw. verbinden; das geht mit mount -o bind /dev /mnt/gentoo/dev
  6. mit chroot /mnt/root die neue Umgebung betreten
  7. so ziemlich alles an Umgebungsvariablen aktualisieren; Gentoo macht da etc-update und source /etc/profile
  8. Dem neuen System sagen, was alles gemountet ist. Das geht mit /proc/mounts > /etc/mtab. Nachträglich alle Mountpoints der Live-CD aus /etc/mtab löschen
  9. grub-install /dev/hdx installiert Grub wieder dorthin wo es hingehört.

Ich hätte meine kostenlose Support-Anfrage, die ich vor Jahren zusammen mit der schicken Windows-XP-CD erworben habe, nutzen sollen. Alleine schon die 20 Minuten vergeudete Arbeitszeit eines Support-Sklaven hätte ich Microsoft gegönnt.

4 Antworten auf “Dann mach ich halt wenigstens deinen MBR kaputt”

  1. Jörg meint:

    Hallo Markus,

    Du siehst, ich lese immer noch dein Blog :)! Das Problem hättest Du ganz leicht über die Wiederherstellungkonsole beheben können, die Du von der XP-CD starten kannst. Der Befehl lautet “FIXMBR”, das hat bei mir öfters mal Wunderbewirkt (diesen Befehl musste ich jahrelang regelmäßig nutzen, da ich ein verseuchtes Raid-System genutzt habe).

  2. d135-1r43 meint:

    Wow, du kannst noch deutsch? :-)

    Ich bin mir nicht sicher, ob „fixmbr“ den alten Bootloader (also Grub) einbastelt oder den „Bootloader“ von Windows. Ich wage mal einen Tipp ins Blaue und setzte auf letzteres. Mit dem könnte ich unter Linux nichts anfangen.

  3. Jörg meint:

    Haha, mein Deutsch ist noch ausgezeichnet, immerhin schreibe (verbreche) ich grad mal wieder ein neues Meisterwerk über Windows Vista :)!

    Da bin ich leider auch etwas überfragt, aber ich glaube sogar das der letzte MBR gespeichert wird und dann geladen wird. Einfach einen Universal-Bootloader zu laden wäre ja auch nicht immer sinnvoll. Aber wie gesagt, weiß ich nicht genau. Du kannst es aber beim nächsten Mal probieren :).

  4. Alan Smithee meint:

    “so ziemlich alles an Umgebungsvariablen aktualisieren; Gentoo macht da etc-update und source /etc/profile”

    ist fehlerhaft, es muss “env-update” heissen!

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M. Herhoffer