Mal ein paar Zeilen vergessen

Zensur (censura) ist ein Verfahren eines Staates bzw. einer einflussreichen Organisation oder eines Vertreters davon, um durch Medien vermittelte Inhalte zu kontrollieren, unerwünschte Aussagen zu unterdrücken bzw. dafür zu sorgen, dass nur erwünschte Aussagen in Umlauf kommen.

Wikipedia

In einem evangelischen Gottesdienst werden nach dem ersten gesungen Lied die sg. Psalter gebetet. Meist responsorial, manchmal auch antiphon. Da nicht unbedingt alle immer eine Bibel dabei haben, zudem noch in der selben Übersetzung, werden die Psalmgebete im „Evangelischen Gesangbuch Württemberg“ (EG, Ausg. 1996) aufgeführt. Heute ist der Sonntag „Estomihi“. Der heißt so, weil man eigentlich an diesem Sonntag den Psalm 31 spricht, in dem im lateinischen Text der Vulgata irgendwann die Phrase „esto mihi“ auftaucht. Da sich aber keiner an solche Regeln hält, sprach man heute auch vielerorts den Psalm 92.

Eine kleine Fußnote am Ende des Textes verrät, dass es wohl mehr als kleine Änderungen im Text gegeben hat. Es fehlen offensichtlich einige Verse im Gegensatz zum biblischen Urtext. Was wurde da wohl entfernt? Stilistisch unpassende Passagen? Belanglose Prosa?

Ein Psalmlied auf den Sabbattag.
Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster,
des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen,
auf den zehn Saiten und Psalter, mit Spielen auf der Harfe.
Denn, HERR, du lässest mich fröhlich singen von deinen Werken, und ich rühme die Geschäfte deiner Hände.
HERR, wie sind deine Werke so groß! Deine Gedanken sind so sehr tief.
Ein Törichter glaubt das nicht, und ein Narr achtet solches nicht.
Die Gottlosen grünen wie das Gras, und die Übeltäter blühen alle, bis sie vertilget werden immer und ewiglich.
Aber du, HERR, bist der Höchste und bleibest ewiglich.
Denn siehe, deine Feinde, HERR, siehe, deine Feinde werden umkommen; und alle Übeltäter müssen zerstreuet werden.
Aber mein Horn wird erhöhet werden wie eines Einhorns, und werde gesalbet mit frischem Öle.
Und mein Auge wird seine Lust sehen an meinen Feinden; und mein Ohr wird seine Lust hören an den Boshaftigen, die sich wider mich setzen.
Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum; er wird wachsen wie eine Zeder auf Libanon.
Die gepflanzt sind in dem Hause des HERRN, werden in den Vorhöfen unsers Gottes grünen.
Und wenn sie gleich alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein, daß sie verkündigen, daß der HERR so fromm ist, mein Hort, und ist kein Unrecht an ihm.Psalm 92 [Luth1545]

Zufall? Von Psalm 143 stehen im EG nur die Verse 1-10. Und was kommt danach?

[...] und verstöre meine Feinde um deiner Güte willen und bringe um alle, die meine Seele ängsten; denn ich bin dein Knecht.Psalm 143:12 [Luth1545]

Psalm 139 spart im Evangelischen Gesangbuch genau 4 Verse aus.

Ach, Gott, daß du tötetest die Gottlosen, und die Blutgierigen von mir weichen müßten!
Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
Ich hasse ja, HERR, die dich hassen, und verdreußt mich auf sie, daß sie sich wider dich setzen.
Ich hasse sie in rechtem Ernst; darum sind sie mir feind.Psalm 139:19-22 [Luth1545]

3 Antworten auf “Mal ein paar Zeilen vergessen”

  1. Thomas meint:

    Ich denke, das ganze hat seinen Ursprung im evangelistischen Gedanken. Sollte sich nämlich doch ein Nichtgläubiger aus Interesse in die Kirche wagen, so wird man ihn wohl kaum mit drohenden Worten zum Glauben führen. Wer will schon gerne hören, dass er umgebracht werden soll. Von daher erhält die abgeschwächte, zensierte Fassung den Gedanken, nicht jedoch die Drohung, die dahinter steckt.

  2. d135-1r43 meint:

    Ich sage auch einem Nicht-Christen unverblühmt, was an Göttlicher Gewalt in der Bibel steht. Ijob, Sintflut, die Zerstörung Sodoms, Babylons, Agyptens usw. sind nicht gerade gute Exempel für Gottes Gnade. Man muss beide Seiten der Münze akzeptieren.

    Ich denke eher, dass da versucht wurde, den Gedanken des „Neuen Bundes“ umzusetzen. Das erlaubt aber nicht, die Schrift zu verfremden.

  3. Andreaz meint:

    Moin. Will nur mal anmerken, dass ich auch Gott seine Gerichte als “Gnade” ansehe, weil er richtet erst, wenn es gar nicht mehr anders geht, d.h. die Menschen es einfach nicht “merken” und wenn er richtet, dann um schlimmeres zu verhindern und die Menschen “auf den Boden” zu holen, auf dass sie wachgeruettelt werden und umkehren. Hat fuer mich eher was mit Erziehung zu tun.

    Z.B. diese krasse “Jahrhundert-Flut” vor einigen Jahren in Sachsen…. nach der Wende haben sich alle Menschen hier irgendwie zurueckgezogen, hohe Hecken angepflanzt und der Nachbar interessiert einen nicht mehr, weil man ja jetzt niemanden mehr braucht und unabhaengig ist. Vor der Wende hat man sich viel mehr gegenseitig geholfen (auch, weil es gar nicht anders ging und man so vom Nachbarn wirklich gebraucht wurde). Naja, und zur Flut war es dann wieder so - die freiwilligen Arbeitseinsaetze im Nachbardorf haben vielen gut getan - die Opfer, weil sie gesehen haben, dass sie nicht allein sind, und die Helfer, weil sie aus den eigenen (Pseudo-)Sorgen rausgerissen wurden und es geniessen durften, etwas zu tun, was anderen wirklich in akut hilft, sprich: sie wurden gebraucht. Unterm Strich hat es die Menschen wieder mehr vereint.

    (was davon heute noch geblieben ist mal dahin gestellt…)

Hinterlasse eine Antwort


Creative Commons-Lizenzvertrag
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.
M. Herhoffer