Archiv für März 2007

Musikmesse

am 29. März 2007 über Musik, Review

Ich war wieder auf der Frankfurter Musikmesse. Dieses Mal wegen anderen Terminen nicht am studentenfreundlichen Samstag, sondern am 38 Euro teuren Fachbesuchertag. Gleich mal ein Tipp am Anfang: Die Dame an der Kasse ist angehalten, von jedem „Fachbesucher“ Name und Adresse samt Firma und Tätigkeitsbereich zu erfassen. Ein freundliches. aber bestimmtes „Ich wünsche nach der AGB der ‚Musikmesse‘ kein personalisiertes Ticket“ wird die Dame von jeglichen weiteren Fragen abhalten und beschleunigt als Nebeneffekt die Abfertigung ungemein. So musste ich nicht einmal meine Bestätigung vorzeigen, dass ich offiziell als Kirchenmusiker unterwegs bin. Als zweiter Tipp: Im Vorverkauf (der heißt so, weil er deutlich vor der Messe stattfindet) über das Internet kostet ein Ticket nur 22 Euro. Das hätte man vorher aber wissen müssen.

Ein Vorteil hat der Mittwoch aber: Da an einem Fachbesuchertag die ganzen Kinder mit T-Shirts von „Children of Bodom“ fehlen (die ohnehin in magischer Weise von den Ständen Marshall und ESP angezogen werden), waren die Gänge im Verhältnis recht leer. So konnte man sich relativ entspannt den Höhepunkten widmen:

Nomen est Omen

Den letzten Gastspielvertrag einer Band, den ich lesen durfte, verbot der Backline den Einsatz von Produkten der Firma „Behringer“. Und recht haben sie. Behringer ist der ALDI in der Musikbranche, allerdings ist die Qualität der Produkte noch mal eine Etage tiefer als vom Diskounter-Einzelhandel gewohnt. Exemplarisch möchte ich die „Eurogrand“-Reihe erwähnen. Der „Eurogrand“ ist ein E-Piano, welches zu äußerst geringen Preisen verschachter wird. Und das zu recht: Ich habe ehrlich auf noch keinem schlechteren Instrument gespielt. Rockshop und Thomann haben recht, wenn sie das Produkt nicht im Sortiment haben. Das penetrante und undiffernzierte „Plonk“ des Pianoklanges klingt wie ein Casio-Spielzeug aus den tiefsten 80ern. Auch die anderen Klänge unterscheiden sich nicht sonderlich von einer reinen Sinuskurve. Alleine der Anschlag und das Gehäuse sind halbwegs okay. Wenn man also mal ein günstiges Masterkeyboard mit 88er Hammermechanik braucht: MIDI-Kabel anstöpseln, Lautstärke auf 0 drehen, Lautstärkeregler abbrechen und wegwerfen.

FCB1010
Behringer FCB1010

Doch ein Produkt der Firma ist interessant – und auch ein Kassenschlager geworden. Das Fußpedal FCB1010 wurde eigentlich entwickelt, um das hauseigenen Effektgerät „V-Amp“ für E-Gitarristen mit MIDI umschalten zu können. Allerdings haben auch die Keyboarder entdeckt, dass man damit auch ganz bequem die komplette Hardware auf der Bühne bedienen kann. 12 Taster und 2 Schweller lassen eine unglaubliche Flexibilität zu. Doch auch hier ist die Produktqualität etwas zwiespältig. Das Plastik gibt schon bei leichtem Druck nach und die Bedienführung über ein dreistelliges Display lässt zu wünschen übrig. Eine Alternative gibt es aber auch von anderen Herstellern nicht. Das FCB1010 ist in seiner Form einzigartig auf dem Markt. In diesem speziellen Fall würde ich mir wünschen, dass Behringer dieses Produkt verbessert und dann auch meinetwegen zu einem höheren Preis verkauft.

Fette Streicher?

Motif XS
Yamaha Motif XS 8

Der neue Yamaha Motif XS feierte auf der Musikmesse seine Premiere. Netterweise hatte Yamaha etwa 20 Geräte mitgebracht. Dummerweise haben sie aber jeweils 3 Geräte übereinander positioniert, sodass man zum Antesten gleich drei Modelle blockiert hat. So musste man also nicht ganz unbedeutend lange warten.

Ich besitze ein Motif Rack und hatte gehofft, dass das neue große farbige Display des XS die Bedienführung etwas vereinfacht. Das tut es aber nicht. Ich bilde mir ein, technisch begabt zu sein. Mit den einzelnen Modi, den vielen Tasten mit doppelter und dreifacher Belegung und der tiefen Menüstruktur ist sicherlich jeder kreativ arbeitende Mensch überfordert. Meine Frage an einen Yamaha-Mitarbeiter nach „fetten Streichern“ wurde mit etwa 5 Tasten samt Einsatz von „Shift“ und Datenrad beantwortet. Das macht auf der Bühne keinen Spaß.

Dafür das Spielen aber umso mehr. Die Presets an Orchestern und sinfonischem Gedöhns (nur das interessiert mich wirklich) waren tatsächlich rund und sehr intuitiv spielbar. An den Klang einer Sampling-Software kommen sie freilich nicht ran, zum live spielen sind sie aber bestens geeignet. Ob nun die Samples oder die Programmierung der Multis im Vergleich zum Vorgänger besser wurde, kann man nicht sagen. Die verschiedenen Split- und Velocitylayers waren aber rundum sinnvoll und gut zu spielen. Für ein synthetisches Orchester auf der Bühne wäre der Motif XS sicherlich nicht ungeeignet. Allerdings liegt der Schwerpunkt ganz eindeutig auf Pianos, Orgeln und jeder Menge Synths.

Nebenbei: Vielleicht sollte man Yamaha mal sagen, dass der perkussive Klick einer B3-Orgel monophon ist. Nur das relativ leise Klicken beim Einlösen der Tastaturkontakte ist polyphon. Seit 10 Jahren machen sie das in allen Instrumenten konsequent falsch.

Vintage

Clavia C1
Clavia Nord C1 Combo Organ

Nach dem Nord Elektro und dem Nord Stage hat Clavia nun eine gänzlich stilechte virtuell-analoge Vintage-Orgel auf den Markt gebracht. C1 heißt das Modell und ist in seiner Bauart und dem Spielgefühl (im Gegensatz zum Stage und Elektro) einer B3 so weit als möglich nachempfunden. Sogar der Hebel für die Rotary-Steuerung und ein siebenpoliger Anschluss für ein echtes Leslie-Kabinett sind vorhanden. Ich habe selbst lange Zeit auf einer echten Hammond samt Leslie gespielt und kann im Spielgefühl wirklich keinen Unterschied erkennen. Der Anschalg der Waterfall-Tasten, die Anordnung und selbst die Abmaßung ist komplett originalgetreu. Einzig die Zugriegel lassen sich nicht ganz so griffig bedienen wie bei einer echten Hammond. Dafür bietet die Steuerung aber „Total Recall“. Leider war das einzige Demogerät an einen echten Leslie angeschlossen, sodass man sich kein Bild von der Amp-Simulation machen konnte. Wenn sie aber mindestens genauso gut wie in meinem Nord Stage ist, dann ist die C1 ein rundum gelungenes Produkt für den klassischen Orgler auf der Bühne und im Studio. Und wenn es doch kein echtes Leslie sein kann oder muss, dann sollte man sich mal die neuen Röhrenerstärker für Keyboarder von Traynor anschauen.

In echt!

Während ich letztes Jahr über die unbezahlbaren Flügel von Fazioli berichtet habe, nun das andere Ende der Preisskala: Der chinesische Hersteller „Nordiska“ baut Pianos, die im Gegensatz zu manch anderen Produkten aus China tatsächlich sehr gut klingen und nicht nur eine schlechte Kopie der Yamaha-Klaviere sind. Besonders gefallen hat mir die „Vision Series“. Das Design und der Klang richtet sich in erster Linie an den unseriösen Teil der Klavierspieler (da zähle ich mich mal dazu). Mit „Stoßstangen“ aus Metall und dem futuristischen Design in Rot, Schwarz und Glas, aber auch mit dem hellen, harten und kernigen Klang passt die Serie bestens in Kneipen, in Jazz-Clubs oder auf die Bühne einer extravaganten Rockband. Erhältlich ist ein Stutzflügel für unter 25.000€ und ein Upright mit noch unbekanntem Preis.

Wie man hört

am 15. März 2007 über Musik

Necrophagist auf Tour

Gestern besuchte ich ein Konzert, auf welchem in erster Linie Metal der ganz harten Schule geboten wurde. Die mit Karlsruhe eng verbundene Band „Necrophagist“ spielte technischen Death Metal, unterstützt wurden sie von „Diskreet“ (eine überraschend gute Band), „Origin“ und „Misery Index“. Doch ich möchte keine Review geben, sondern auf etwas anderes eingehen: Wie hört der Konsument die Musik? Warum wird von Musikern und von an der Musik Interessierten meistens die exotische, extreme Musik favorisiert?

Mit „Hören“ meint man in Musikerkreisen das Erfahren und Verarbeiten, Einordnen und Bewerten von Musik. Das lernt man von klein auf. Ein Kind nimmt in erster Linie Geräusche wahr und muss die strengen Regeln des allgemein etablierten Harmonieempfindens erst anerzogen bekommen. Die abendländische Musik mit ihren strengen Formen und dem kleinen Vorrat an Tonleitern ist keinesfalls eine naturgegebene Tatsache sondern das Ergebnis einer jahrhundertelangen Musikgeschichte – eng begrenzt auf den zentral-europäischen Kulturraum. Diese anerzogenen Grenzen der Musik sind recht eng. Man erkennt sie aber nur, wenn man sich intensiv mit der Musik beschäftigt.

Wer ab und an das Radio einschaltet, bewertet die populäre Musik gemäß dem antrainierten Schema der Ästhetik. Einzig dominant wird der Gesang empfunden. Mit der menschlichen Stimme kann sich jeder identifizieren, da jeder mehr oder minder gut des Gesanges mächtig ist. Dementsprechend steht das eigene Ideal des Gesanges im Zentrum: Das korrekte, „schöne“ Singen einer Melodie. Ungleich weniger interessant ist dem gelegentlichen Hörer das Instrumentarium. Ob mit dem Computer erzeugt oder von einer Band eingespielt, kann meist gar nicht erfasst werden. Wichtig ist hier nur der Rhythmus, da das harmonische Ohr mit dem Gesang genug beschäftigt ist.

Dieses „Hören“ macht einen Großteil der Menschen aus. Und somit auch den größten Markt – den der Popmusik. Ein dominanter Sänger, mit dem man sich identifizieren kann (oder besser: gleich eine ganze Boygroup). Eine austauschbare Band dahinter genügt meistens. Wenn dann doch eine ganze Combo im Stil von „Tokio Hotel“ an den Mann die Mädchen gebracht werden soll, dann nur unten den strengen Regeln der populären Ästhetik: Kein Instrumentensolo, Melodie nur im Gesang, Rhythmus nur in den Instrumenten. Nicht länger als 3½ Minuten. Und natürlich die Strophenform, die jeder Hörer noch aus dem Kindergarten kennt.

Der Stil von „Necrophagist“ wird von Rezensenten als technisch, komplex und schwer greifbar bezeichnet. Das stimmt ganz offensichtlich. Kein gerader Rhythmus, ausgefallene Taktarten, technisch spektakuläre Arpeggios und Spieltechniken. Der Gesang ist grunzend tief und ohne jegliche Melodie (ja, genau so wie der legendäre Casting-Kandidat bei DSDS). Die Instrumente tragen Rhythmus, Melodie und Harmonik. Auf den ungeübten Hörer bricht ein nahezu nicht erfassbares Gewitter an Geräuschkulisse herein, das er nicht verarbeiten kann. Der geübte Hörer, selbst vielleicht gar gelernter Instrumentalist, misst nun die Musik nicht mehr an seinem antrainiertem Stilempfinden, sondern an der Technik und an der Struktur. Die Identifikation mit dem Sänger als dominantes Element der Band fehlt völlig. Bewertet wird in erster Linie die Technik, deren Schwierigkeit und Komplexität. Selbst wissend, wie hart man für das Erlangen einer guten Technik arbeiten muss, wird das Instrumentensolo (in der Regel die Gitarre) zum Dreh- und Angelpunkt und zum neuen ästhetischen Merkmal. Die Bestätigung des etablierten Stilempfindens ist nicht nötig. Auch die Musikalität ist ein wichtiger Faktor. Hier ist nur eine schwammige Definition möglich: Eine Mischung aus künstlerischer Aussage, erzielter und gefühlter Wirkung. Aber auch hier ist die Bestätigung des Gewohnten keine Notwendigkeit, eher sogar ein Hindernis und eine Beschränkung.

Ausgebildete Musiker verfallen meist in diese Art des „Hörens“, bei der die Technik und die Musikalität im Vordergrund steht. Die Fähigkeit dieses „Hörens“ ist sogar ein Faktor der eigenen Glaubwürdigkeit. So schmücken sich nicht wenige Musiker mit Shirts von Bands wie „Dream Theater“ oder reden gerne mit Ihresgleichen über die absonderlichsten Jazzbands. Auch in der „ernsten Musik“ ist dieses Hören verbreitet. Ein affektierter dritter Satz der Beethoven’schen „Mondscheinsonate“ wird wohl eher nach der Technik und der Musikalität bewertet, als dass nach einer Melodie gesucht wird. Im ersten Satz hingegen sucht man die komplexe Harmonik, während der ungeübte Hörer wohl eher nach der Melodie greifen wird.

Durch diese Dualität entsteht oft ein nicht zu lösender Konflikt zwischen den unterschiedlichen „Hörern“, der meist in Ignoranz der anderen Seite mündet: „Unhörbarer Krach!“ „Primitive Musik“ „Die können nichts!“

Nachtrag: All jene, die doch eine Review wollen, können eine solche auf Metal.de lesen.


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M. Herhoffer