Wie man hört

Necrophagist auf Tour

Gestern besuchte ich ein Konzert, auf welchem in erster Linie Metal der ganz harten Schule geboten wurde. Die mit Karlsruhe eng verbundene Band „Necrophagist“ spielte technischen Death Metal, unterstützt wurden sie von „Diskreet“ (eine überraschend gute Band), „Origin“ und „Misery Index“. Doch ich möchte keine Review geben, sondern auf etwas anderes eingehen: Wie hört der Konsument die Musik? Warum wird von Musikern und von an der Musik Interessierten meistens die exotische, extreme Musik favorisiert?

Mit „Hören“ meint man in Musikerkreisen das Erfahren und Verarbeiten, Einordnen und Bewerten von Musik. Das lernt man von klein auf. Ein Kind nimmt in erster Linie Geräusche wahr und muss die strengen Regeln des allgemein etablierten Harmonieempfindens erst anerzogen bekommen. Die abendländische Musik mit ihren strengen Formen und dem kleinen Vorrat an Tonleitern ist keinesfalls eine naturgegebene Tatsache sondern das Ergebnis einer jahrhundertelangen Musikgeschichte – eng begrenzt auf den zentral-europäischen Kulturraum. Diese anerzogenen Grenzen der Musik sind recht eng. Man erkennt sie aber nur, wenn man sich intensiv mit der Musik beschäftigt.

Wer ab und an das Radio einschaltet, bewertet die populäre Musik gemäß dem antrainierten Schema der Ästhetik. Einzig dominant wird der Gesang empfunden. Mit der menschlichen Stimme kann sich jeder identifizieren, da jeder mehr oder minder gut des Gesanges mächtig ist. Dementsprechend steht das eigene Ideal des Gesanges im Zentrum: Das korrekte, „schöne“ Singen einer Melodie. Ungleich weniger interessant ist dem gelegentlichen Hörer das Instrumentarium. Ob mit dem Computer erzeugt oder von einer Band eingespielt, kann meist gar nicht erfasst werden. Wichtig ist hier nur der Rhythmus, da das harmonische Ohr mit dem Gesang genug beschäftigt ist.

Dieses „Hören“ macht einen Großteil der Menschen aus. Und somit auch den größten Markt – den der Popmusik. Ein dominanter Sänger, mit dem man sich identifizieren kann (oder besser: gleich eine ganze Boygroup). Eine austauschbare Band dahinter genügt meistens. Wenn dann doch eine ganze Combo im Stil von „Tokio Hotel“ an den Mann die Mädchen gebracht werden soll, dann nur unten den strengen Regeln der populären Ästhetik: Kein Instrumentensolo, Melodie nur im Gesang, Rhythmus nur in den Instrumenten. Nicht länger als 3½ Minuten. Und natürlich die Strophenform, die jeder Hörer noch aus dem Kindergarten kennt.

Der Stil von „Necrophagist“ wird von Rezensenten als technisch, komplex und schwer greifbar bezeichnet. Das stimmt ganz offensichtlich. Kein gerader Rhythmus, ausgefallene Taktarten, technisch spektakuläre Arpeggios und Spieltechniken. Der Gesang ist grunzend tief und ohne jegliche Melodie (ja, genau so wie der legendäre Casting-Kandidat bei DSDS). Die Instrumente tragen Rhythmus, Melodie und Harmonik. Auf den ungeübten Hörer bricht ein nahezu nicht erfassbares Gewitter an Geräuschkulisse herein, das er nicht verarbeiten kann. Der geübte Hörer, selbst vielleicht gar gelernter Instrumentalist, misst nun die Musik nicht mehr an seinem antrainiertem Stilempfinden, sondern an der Technik und an der Struktur. Die Identifikation mit dem Sänger als dominantes Element der Band fehlt völlig. Bewertet wird in erster Linie die Technik, deren Schwierigkeit und Komplexität. Selbst wissend, wie hart man für das Erlangen einer guten Technik arbeiten muss, wird das Instrumentensolo (in der Regel die Gitarre) zum Dreh- und Angelpunkt und zum neuen ästhetischen Merkmal. Die Bestätigung des etablierten Stilempfindens ist nicht nötig. Auch die Musikalität ist ein wichtiger Faktor. Hier ist nur eine schwammige Definition möglich: Eine Mischung aus künstlerischer Aussage, erzielter und gefühlter Wirkung. Aber auch hier ist die Bestätigung des Gewohnten keine Notwendigkeit, eher sogar ein Hindernis und eine Beschränkung.

Ausgebildete Musiker verfallen meist in diese Art des „Hörens“, bei der die Technik und die Musikalität im Vordergrund steht. Die Fähigkeit dieses „Hörens“ ist sogar ein Faktor der eigenen Glaubwürdigkeit. So schmücken sich nicht wenige Musiker mit Shirts von Bands wie „Dream Theater“ oder reden gerne mit Ihresgleichen über die absonderlichsten Jazzbands. Auch in der „ernsten Musik“ ist dieses Hören verbreitet. Ein affektierter dritter Satz der Beethoven’schen „Mondscheinsonate“ wird wohl eher nach der Technik und der Musikalität bewertet, als dass nach einer Melodie gesucht wird. Im ersten Satz hingegen sucht man die komplexe Harmonik, während der ungeübte Hörer wohl eher nach der Melodie greifen wird.

Durch diese Dualität entsteht oft ein nicht zu lösender Konflikt zwischen den unterschiedlichen „Hörern“, der meist in Ignoranz der anderen Seite mündet: „Unhörbarer Krach!“ „Primitive Musik“ „Die können nichts!“

Nachtrag: All jene, die doch eine Review wollen, können eine solche auf Metal.de lesen.

2 Antworten auf “Wie man hört”

  1. slightly_beeraged meint:

    jetzt versteh’ ich die Mett’ler schon besser :)

    hören alle Fans auf diese Art?

  2. Stefan meint:

    Gut geschrieben. Du schaffst es, die Sachen, die man eben diesen “Unhörbaren-Krach-Sagern” mitteilen will, in Worte zu fassen.

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M. Herhoffer