Archiv für April 2007

The True Kings Of Heavy Metal?

am 1. April 2007 über Musik, Review

Tourplakat ManowarEigentlich wollte ich es vermeiden, hier über jedes Konzert zu berichten, das ich besuche. Wenn man aber mehr als 50€ gelöhnt hat, ist vielleicht doch eine Relevanz gegeben. Ich gestehe: Ich war bei Manowar, Rhapsody of Fire und Holy Hell in der Halle in Stuttgart, die nach einem Ex-Nazi benannt ist. Eigentlich bin ich nur wegen Rhapsody hin. „Symphony of Enchanted Lands“ war anno 1998 meine erste Metal-CD. Damals noch ziemlich unbekannt und noch bei Limb Music – aber schon mit abenteuerlichen Genrebezeichnungen betitelt. Wenn man aber einmal einen Blick auf die Bandnamen im Tourplakat wirft und deren Relatationen zueinander studiert, muss man als Rhapsody-Fan Schlimmstes befürchten.

Die erste Frage des Tages war aber: Wer zum Geier sind Holy Hell? Eine Kurzrecherche fünft Minuten vor Abfahrt blieb ernüchternd: Die englische Wikipedia kennt nur das Album „Holy Hell“ von Rob Rock (übrigens einer der letzten wirklich guten White Metaller). Eine Suche bei Amazon liefert exakt null Treffer. Somit war die Überraschung recht gelungen, als sich Holy Hell 15 Minuten nach Einlass (!) mit einer Frontsängerin präsentierten. Die Musik ist eine undefinierbare Mischung aus der Epik von „Within Temptation“ und dem Hardrock von Doro. Nicht schlecht; genauer betrachtet eigentlich sogar sehr gut. Demnächst soll wohl ihre erste EP erscheinen, das Liveset war also dementsprechend kurz und wurde noch mit Coversongs aufgemöbelt. Einer war die tausendste Metalversion von „Phantom of the Opera“ (sehr zur Freude der Manowar-Gefolgschaft im Duett mit Eric Adams) und „Rising Force“ – nein, nicht von „HammerFall“, sondern von Yngwie Malmsteen. Der Sound war gut, aber zu leise. Ein erster Verdacht erhärtet sich, dass die eben gehörte PA nicht die von Manowar sein wird.

Nach gewohnt epischem Intro marschieren dann Rhapsody auf die Bühne und beweisen, dass ihr sinfonisches Konzept auf einer großen Bühne nicht einmal halb so gut funktioniert wie auf der Platte. Ein nicht sichtbarer Chor samt Orchester vom Band kann eben trotz Lichteffekte und Dauernebel nicht überzeugend dargeboten werden. Auch Sänger Fabio Lione war leider nicht auf der Höhe seiner Fähigkeiten und begann schon beim ersten Song mit Koloraturen und Aussetzern, wie sie bei andere Sänger erst nach vier Stunden Geschrei einsetzen. Mit „Lamento Eroico“ konnte er aber auf ganzer Linie überzeugen. Die Gitarrensolos waren sauber und technisch einwandfrei. Hier erwartet man zurecht keine Eskapaden sondern die Reproduktion der Solos auf den Alben. Das ist gut gelungen, wenngleich aber die Keyboards mitunter etwas zu leise waren. Schön, dass der Keyboarder Alex Staropoli sich nicht auf das Band verlässt, sondern so viel als möglich selbst spielt. Die Auswahl der Stücke war perfekt, auch wenn „Holy Thunderforce“ gefehlt hat. Fürs Archiv: Intro - Unholy Warcry - The Last Angels’ Call - Village Of Dwarves - Land Of Immortals - Erian’s Mystical Rhymes - Solo Schlagzeug - Dawn Of Victory - Lamento Eroico - A New Saga Begins - Emerald Sword. Man wünscht sich nach diesem knapp 45 Minuten dauerndem Set endlich eine Headliner-Tour von Rhapsody. Der durchschnittliche Manowar-Fan konnte mit der ausufernden Epik nicht wirklich etwas anfangen, was auf die Atmosphäre drückt. Vor sechs Jahren war das nicht anders, als Rhapsody im Vorprogramm von „Stratovarius“ spielte. Rhapsody gehört in kleine Clubs und verdient vor allem Respekt für die sinfonischen Arrangements, die in denen von Hans Zimmer und anderen zeitgenössischen Nacheiferer Richard Wagner in nichts nachstehen.

Schon beim ersten Ton aus dem Set von Manowar war klar: Die Vorbands spielten über eine andere PA, sie hatten andere Lichteffekte und wohl auch einen anderen Tontechniker. Manowar war doppelt so laut wie Rhapsody und Holy Hell, aber doppelt so gut abgemischt. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Vorbands absichtlich heruntergemischt wurden, damit der Manowar-Sound im Vergleich besser wird. Gemessen an dem, was man von Manowar liest und hört, wäre es ihnen zuzutrauen. Wie dem auch sei: Der Sound war der beste, den ich je gehört habe. Die Show war professionell, unterhaltend und technisch einwandfrei, wenngleich die Garderobe, die ewigen Buzzwords von „Glory“, „War“, „Warrior“ und natürlich „true“ doch einen gewissen Komikfaktor hergeben. Nicht zu vergessen die Imagepflege mit Biertrinken, Mädchen auf die Bühne holen und alle sich über andere Musiker lustig machen. „Very Spın̈al Tap“. Dennoch muss man Manowar Respekt zollen. Der erste Teil des Sets enthielt alle Klassiker aus der 20jährigen Bandgschichte und wäre für sich allein genommen schon als Konzert durchgegangen. Dem angeschlossen hat sich das nahezu komplette Set des neuen Albums. Insgesamt also mehr als drei Stunden Manowar auf der Bühne. Hut ab vor allem an Eric Adams, der besser sang als ich befürchtet habe. Ich habe keinen Vocalizer gehört, wenngleich ein solcher auf den letzten drei Alben exzessiv eingesetzt wurde. Zudem hatte Manowar tatsächlich zwei Keyboarder (wie untrue!) auf der Bühne. Zwar unbeleuchtet und am Rand, aber man wollte wohl ehrlich zu den Fans sein und hat so wenig Band wie möglich mitlaufen lassen. Woher dann aber die zweite Gitarre bei den Solos kam, bleibt fraglich. Entweder hat der Keyboarder eine verzerrte Hammond respektive Gitarren-Samples durchgedrückt oder es war doch nicht alles so live wie es schien.

Fazit: Rhapsody soll eine eigene Clubtour machen, Manowar soll weiterhin zehntausende von Menschen ohne mein Beisein begeistern und Holy Hell sollte das nächste Mal zumindest ein Album draußen haben, bevor man sich auf die Bühne stellt.

Noch ein Insider: Joey de Maio hat ein Festival in Bad Hersfeld (Frankfurt) angekündigt, bei dem Manowar samt dem Rest von „Magic Circle Music“ spielen werden. Nach seinen Angaben für 10€ Eintritt. Das wäre mal sogar eine nette Geste nach dem dreimaligen Verschieben der Tour und dem Playback-Skandal beim letzten Earthshaker-Ferstival.


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M. Herhoffer