Archiv für Juli 2007

Wikipedia

am 28. Juli 2007 über Freiheit, Internet, Kritik, Kultur

Wenn man heute etwas nicht weiß, dann schaut man in der Wikipedia nach. Für einen Großteil der Netzbenutzer ist dieses Lexikon, nicht zuletzt auch dank hervorragendem Google Ranking, zur Standardreferenz geworden. Was sich dem gemeinen Wikipedialeser aber nicht immer erschließt, sind die Probleme, die es in der Wikipedia gibt. Und davon gibt es reichtlich.

Seit fast 3 Jahren bin ich als Autor in der Wikipedia unterwegs, etwa 1500 mehr oder minder kleine Beiträge stammen aus meiner digitalen Feder. Ich bin kein Admin (und will das auch niemals werden) und gewiss keiner derer, die Wikipedie unter „Hobbies“ in einen Steckbrief eintragen würden. Dennoch bekommt man mit der Zeit aber einen Durchblick in Sachen Hauptprobleme der Wikipedia:

Herr Müller ist schwul!!!!11

Manche pubertierende Schüler scheinen es für extrem wichtig zu halten, der Welt kundzutun, dass ihr Lehrer respektive der Streber in der Bank vornedran doof respektive schwul ist. Man kann in den Logbüchern der Wikipedia regelrecht erkennen, wann welche Schulklasse mit welchem schwulen Lehrer zu welchem Thema eine Computerrecherche durchführten. In der Wikipedia nennt man diese nicht nur sinnlosen sondern kontraproduktiven Änderunger Vandalismus. Da jeder etwas ändern kann, ist das Grundrauschen in diesem Bereich besonders hoch. Alle diese Änderungen müssen manuell rückgängig gemacht werden, und das nervt kolossal. Für besonders anfällige Artikel wurde daher eine Halbsperrung verhängt, damit unangemeldete Benutzer keine Änderungen durchführen können. Für alle Artikel geht das freilich nicht. Das Vandalismusproblem in den Griff zu bekommen, ist eine ernsthafte Sache. Ich würde behaupten, dass 20-30% aller Zeit von den Autoren aufgewendet wird, um Vandalismus rückgängig zu machen.

Wichtige Infos unter http://beepworld.com/tokiohotelistdiebesteband

Wer auf der Wikipedia mit einem Weblink vertreten ist, kann sich einerseits über ein schönes Google-Ranking, anderseits über viele Besucher freuen. Darum tragen einige Leute ihre eigenen völlig informationsfreien Seiten unter „Weblinks“ in x-beliebige Artikel ein. Entweder ganz offensichtlich naiv als „Fanseite zu Tokio Hotel“ oder subtil und unterschwellig: Sekten verlinken ihre Artikel mit ganz eigener Weltanschauung als theologische Facharbeit, Ärzte tragen ihre Webseite samt prominenter Werbung in Artikeln zur Medizin ein und Verlage verlinken gleich direkt in die passende Fachabteilung – natürlich mit direkter Bestellmöglichkeit.

Für das Volk!

Zugegebener Maßen bin ich als Autor in den Bereichen Metal und Musik nicht gerade auf hochwissenschaftlichem Terrain unterwegs, für eine Literaturrecherche auf wissenschaftlichem Niveau bin ich mir aber dennoch nicht zu schade. Andere sehen das aber anders. Der wissenschaftliche Anspruch der Wikipedia konvergiert in manchen Bereichen gegen Null. Trivia, Pop und Unwichtiges der Gegenwart bekommen mehr Platz als die wichtigsten historischen Personen und Ereignisse. Man vergleiche nur den Umfang der Kategorien Star War und Barocke Literatur. Während sich beim einen hauptsächlich dreizeilige Artikelchen tummeln, häuft sich beim anderen jeglicher intergalaktische Schrott an, der jemals dem Gehirn eines infantilen Science-Fiction-Fans entsprungen ist. Ein anderes Beispiel: Der Artikel zu Johann Pachelbel umfasst lediglich eine kleine Biografie, ein Drittel des Textes nehmen Listen von Popsongs ein, die auf dem Canon in D basieren. (Wohlgemerkt: Die zwei Absätze zur musikalischen Analyse stammen von mir.) Pop regiert die Wikipedia. Was die Leute nicht interessiert, wird nicht geschrieben.

Darum braucht die Wikipedia Wissenschaftler und akademische Mitarbeiter. Ohne ausgebildete Fachautoren wird sich an diesem Zustand nichts ändern. Das heißt: Wissenschaftler müssen angeworben und vom Wikiprinzip überzeugt werden. Ansonsten wird die Nachwelt besser über die „Simpsons“ Bescheid wissen als über die Literatur des 20. Jahrhunderts.

Lobbyarbeit

Mehrere Stunden meiner studentischen Zeit habe ich mit Diskutieren zum Artikel Bibelkritik verbracht. Was die Hauptautoren (ich nenne keine Namen, sie herauszufinden ist aber leicht) dieses Artikels unter der Mitarbeit an einer Enzyklopädie verstehen, ist fatal: Ausschließlich das Darstellen, das Darlegen, das Erklären und Propagieren einer atheistischen Weltanschauung ist das Ziel ihrer Mitarbeit. Kurz: Leute arbeiten bei der Wikipedia mit, nur um ausschließlich ihre persönlichen Interessen zu verfolgen. Das nennt sich Lobbyarbeit – und widerstrebt dem Prinzip der Wikipedia auf ganzer Linie. Man hat die Freiheit nicht neu erfunden, um sie sich wieder nehmen zu lassen. Als alter Anarchist will ich zur Lösung dieses Problems aber keine neuen Regeln. Dafür aber genug kompetente Autoren, die sich von derlei niederträchtiger Arbeit nicht davon abhalten lassen, die freiheitlichen Prinzipien der Wikipedia durchzusetzen.

Und wie kann man diese Probleme ändern? Informieren und selber mitmischen.

Moderne Religionskultur

am 11. Juli 2007 über Glaube, Internet

Sind die Zeiten der untrennbaren Verbindung von Religion und Kultur denn tatsächlich vorbei? Moderne Christen behaupten oft, im Zuge des Traumas der Aufklärung zumindest jenen Sieg errungen zu haben, der die Religion von allerlei Anhang an politischer und kultureller Verknüpfung trennt. Doch das stimmt nicht. Egal auf welchem Level – der gemeine Christ bündelt den Glauben an eine bestimmte Form der Lebensausführung.

Fangen wir bei denen an, die das Christentum im Namen haben: Die konservativen Bürgerliche, organisiert unter einem schwarzen respektiven blauen Banner namens CDU respektive CSU. Kann da einer noch einen einzigen Rest von dem Erkennen, was das Christentum ausmacht? „Eines fehlt dir! Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, nimm das Kreuz auf dich und folge mir nach.� So steht es in Markus 10:21, aber keiner der Konservativen würde diesen Satz zu seinem politischen oder gar persönlichem Weg erklären. Wo haben Aussagen wie diese bei den konservativen Werte-Christen Platz? Ehrgeiz, Fleiß, Wohlstand und Tugend kann man in der Bibel nicht finden – sehr wohl aber im Werteverständis der Chrstlichen Demokratischen Union. Ziel verfehlt, würde ich behaupten – und darum nie mein Kreuzchen an eine Partei mit C vornedran verschenken.

Ein weiteres Manko ist das Hervorheben von Familie, Sicherheit und Wohlfühl-Umgebung. Einerseits eifert der Pietismus, Jesus als Vorbild zu betrachten. Anderseits ist das gutbürgerliche Familienverständnis mit klassischer Rollenverteilung das scheinbar christliche Motiv. Wenn man den Jesus von Nazareth nun primär als Vorbild nimmt: Wo bitteschön findet man in der überlieferten Biografie die Familie, das gutbürgerliche Leben und die gesicherten Umstände? Wäre “What Would Jesus Do?” tatsächlich ein Leitspruch, der so konsequent umgesetzt werden würde, wie jener den Spruch auf T-Shirts und Bändchen tragender Christ von sich behauptet, dann gäbe es nur noch Punks, Wandersleute, Camper und Tagelöhner. “Darum sage ich euch: Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um eueren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung?” steht in der Bergpredigt. Mit schicken Anzügen für den sonntäglichen Gottesdienst hat das nichts zu tun. Jesus von Nazareth als Vorbild ist radikal, weniger radikal wäre die mystische Rolle als Jesus Christus. Eine ausgewählte Mischung aus beidem herrscht bei vielen Frommen vor, eine radikale Position für beide Elemente nur ganz selten. Die Jesusfreaks leben das eine, die Theologiestudenten das andere.

Ganz schlimm wird es, wenn man den Blick Richtung “God’s Own Country”, den USA, richtet. Der Müll, den man alleine auf der Internetseite GodTube in filmischer Form zu sehen bekommt, reicht aus, um sich unter diesen Christen wahrlich nicht wohl zu fühlen: Eine Banane als Gottesbeweis, zudem allerhand nationalistische und militaristische Propaganda.

Einen guten Clip gibt es aber doch.


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M. Herhoffer