Archiv für Oktober 2007

Christlicher Metal

am 24. Oktober 2007 über Glaube, Kultur, Musik

„Häh? Du bist Christ und hörst Metal? Das geht doch gar nicht!“. Sehr oft darf ich mir diesen Satz anhören. Ich glaube zwar nicht, dass jene meist alkoholisierten Menschen, die mir diese Frage auf einschlägigen Konzerten stellen, die folgenden Zeilen lesen werden; für alle anderen folgt nun aber ein knackiger Überblick über die Geschichte des Christlichen Metals.

The Yellow Attack

To Hell With the DevilWährend in den 70ern Rock und Hardrock die Hitparade dominierten, war Anfang der 80er der große kommerzielle Durchbruch des Metals. Christliche Hardrocker gab es vereinzelt, kommerziell erfolgreich war keiner. Die Geschichte des christlichen Metal beginnt jedoch gleich mit einem Paukenschlag: Die 1981 gegründete Band Stryper spielte als einzige christliche Metalband aller Zeiten eine bedeutende Rolle im sekulären Geschäft. Ihr Glam-Metal-Stil, der Verzicht auf brachiale Härte und nicht zuletzt die Verwurzelung in der evangelikalen Szene verschaffte Stryper Gold- und Platin-Status. Aus heutiger Sicht sind Auftreten und Stilistik altbacken bis peinlich – damals war das so Mode. Legendär sind Szenen, in denen Stryper bergeweise Bibeln ins Publikum werfen, umstritten sind ihre radikalen Positionen zum Gebrauch von Schusswaffen und gegenüber Homosexualität. Ihre Musik war und ist jedoch zu 100% einem gelebten christlichen Glauben verschrieben, wenngleich oftmals etwas platt und zwangsoptimistisch. Die Bezeichnung „White Metal“ für Musik im Stil von Stryper wurde erst Jahre später nachträglich erfunden. Stryper hätten anno 1986 damit sicher nichts anfangen können. Dazu musste erst die erste Welle des satanischen „Black Metal“ ausbrechen.

Der australische Untergrund

Während kommerzielle Bands ein Weichspühlprogramm in Sachen musikalischer Härte und Aggression durchzogen, war die Revolution aus dem Untergrund nicht mehr aufzuhalten. Der sekuläre Metal wurde – ausgehend vom Thrash (für ganz Unterinfomierte: to thrash für dreschen, nicht Trash wie Müll) in Amerika – stetig härter und aggressiver. Auch in Australien gab es diese Entwicklung. An vorderster Front spielte dort 1990 eine Band namens „Mortification“ einen neuen Stil des Metals. Steve Rowe war Basser und Sänger, Jason Sherlock der Drummer. Sherlock wird später noch herausragende Bedeutung erlangen. Mortification war zweifelsohne die erste wirklich harte Underground-Band der christlichen Szene. Und nebenbei waren sie auch in Vorreiter in Sachen Death Metal. Ihr Album „Scrolls of the Megilloth“ wurde zum Klassiker.

Später erkrankt Sänger Steve Rowe an Leukämie und schien zeitweise den Kampf verloren zu haben. „Triumph of Mercy“ bezeugt eindrucksvoll seine Heilung.

Brennende Kirchen und mordende Satanisten

Stabkriche Fantoft, nach Brandstiftung vollständig niedergebrannt

Auf der anderen Seite der Erde lief die Metalszene derweil Amok. Eine Gruppe norwegischer Jugendlicher – nichts anderes war dieser legendäre „Inner Cirlce“ – entwickelter eine auf Satanismus, Rassismus und Misanthropie aufbauende Ideologie und verband dies mit einer neuen, äußerst rauen und brachialen Stilistik des Metals. Der „Black Metal“ war geboren. Verbindendes Merkmal aller Bands war ein ausgeprägter Hass auf das Christentum, der sich bis heute in Form absonderlicher Liedtexte auszeichnet. Mitte der 1990er Jahre waren Hasstiraden und lustige Gesichtsbemalung aber nicht genug: Eine Gruppe um Varg (geb. Kristian) Vikernes setzte in Norwegen die letzten verbliebenen Stabkirchen in Brand, darunter die berühmte Stabkirche Fantoft. Der Sänger der Band “Mayhem” mit bezeichnendem Pseudonym “Dead” begeht Selbstmord [Warnung: fotografisch explizite Darstellung], ein Jahr später wird sein Bandkollege “Euronymous” von Vikernes erstochen. Auch in Deutschland schaut es nicht besser aus: Mitglieder der Band Absurd ermorden in Gemeinschaftstat einen «Homosexuellen», den 15jährigen Sandro Beyer.

In diesem ganz und gar antichristlichen Kontext wurde 1994 dezent und unauffällig ein Album veröffentlicht. Die Band nannte sich “Horde”, das Album “Hellig Usvart”. Nuclear Blast, damals noch völliger Underground, brachte die Scheibe auf den Markt. Der Aufschrei in der Szene war recht groß, fühlten sich die satanischen Eliten doch reichlich provoziert: “Hellig Usvart” offenbarte sich als Album mit durch und durch anti-satanischen, christlichen Texten. Mit den Mitteln der Blasphemie, die der Black Metal gegen das Christentum verwandte, wendet sich “Hellig Usvart” nun gegen den Satanismus. Titel wie «Invert The Inverted Cross» oder «Blasphemous Abnomination Of The Satanic Pentagram» invertierten die komplette Ideologie des Black Metal. Die Seitenhiebe auf die satanische Szene waren offensichtlich: „Hellig Usvart“ ist norwegisch für „Heilig Unschwarz“, eine Anspielung auf den „Unholy Black Metal“ von Darkthrone. Das einzige Mitglied der Band nannte sich “Anonymous”, eine direkte Anspielung auf den kurz zuvor erschossenen Euronymous von “Mayhem”. Bis heute halten sich Gerüchte, dass Markus Staiger, Chef von Nuclear Blast, Morddrohungen aus der satanistischen Szene erhalten habe.

Erst Jahre später wurde das Geheimnis um Horde gelüftet: Kein Norweger war der Autor, sondern der Australier Jason Sherlock. Er war einst Schlagzeuger von Mortification und spielt heute bei Paramæcum.

Kurz darauf traten einige Bands Hordes Erbe an. Manche davon sind gut, viele sind grottenschlecht. Besonders in den vom Christentum dominierten Teilen Südamerikas gibt es eine ausgeprägte und vielseitige christliche Black-Metal-Szene, die seit 10 Jahren auf einem recht niedrigen musikalischen Niveau hängen geblieben ist. Eine Vielzahl an Bands publiziert im Stundentakt Alben und MySpace-Seiten. Dieser Teil der Szene wird in Europa nahezu ignoriert.

Großes Ansehen genießen jedoch jene skandinavischen Bands, die ebenso wie die säkulären Kollegen den Black-Metal kreativ ausbauten und in der so genannten „zweiten Welle“ mit atmosphärischen und progressiven Elementen verbanden. Zu nennen sind Antestor, damit verbunden Vaakevandring, Crimson Moonlight, Vardøger und Admonish. Insbesondere Antestor belegt eine Schlüsselposition. Als christliche Doom-Metal-Band ist ihre Geschichte älter als die von Horde. Noch unter dem Namen Crush Evil sagte Euronymous über sie:

When it comes to bands like Crush Evil, we must take serious action. It`s bad enough to have a couple of society bands, but a CHRISTIAN band is too much. But don’t worry, we have plans. They will not continue for a very long time. Euronymous

Seine Drohungen verliefen im Sande, ein halbes Jahr nach dieser Aussage wurde er von Varg Vikernes erschossen. 2004 spielte sein Bandkollege „Hellhammer“ als Session-Musiker Schlagzeug bei Antestor.

Quellen: Wikipedia; Unheilige Allianzen. Black Metal zwischen Satanismus, Heidentum und Neonazismus; „Black Metal Primer Redux“, Heaven’s Metal #67 2-3/07

Nachtrag: Erasmus von Son-of-Man-Records führte einst mal ein recht untergrundiges Interview mit Anonymous von Horde. Da SoM derzeit nicht mehr aktiv ist und keine Internetseite mehr betreibt (soweit ich weiß ist der alleinige Labelchef als Soldat im Irak), biete ich ganz frech eine Sicherungskopie des Interviews an. Anonymous äußert sich dort noch über eine weitere Anspielung: Der Produzent mit den Pseudonym «Unblack Mark» ist nicht existent, sondern eine Referenz auf das Label «Black Mark» von Bathory. Damit bekommt auch noch die letzte wichtige Band der Szene eine Anspielung gewidmet. Anonymous behauptet aber immer noch, dass Horde niemals ein Parodie oder gar ein Spaßprojekt war. Horde ist todernster Unblack Metal.

Inzwischen gab es auch einen Liveauftritt. Die DVD ist gerade auf dem Weg von Australien zu meinem Briefkasten.

Milchmädchenrechnung

am 7. Oktober 2007 über Kritik, Musik

Seit einiger Zeit geistern durch die Blogospähre umjubelte Newsmeldungen: Nach Prince tafkap Prince und Radiohead bringt nun auch die Band „The Charlatans“ (Wer ist das denn?!) ihr komplettes Album an eine mehr oder weniger zahlende Internethörerschaft. Die Futurezone des ORF meint „Mittelfinger für die Musikindustrie“ (und finanziert sich weiterhin über die Zwangsgebühren des österreichischen Rundfunkes). Die Spex weiß mehr über das neue Finanzierungsmodell: „The band will get paid more by more people coming to the gigs, buying merchandise, publishing and synch fees. I believe it’s the future business model.“

Weit und breit wird diese neue und revolutionäre Art des Musikbusiness mit Begeisterung gefeiert. Endlich haben es die Musiker kapiert: Musik muss verschenkt werden, das Geld wird bei Live-Auftritten schon irgendwie reinkommen. Selbst Journalisten der besseren Musikmagazine springen inzwischen auf diesen Zug auf. Dabei ist die Idee von der Finanzierung durch Konzerte nur ein schlecht erfundenes Märchen. Wer einmal hinter die Kulissen des Konzertmanagement schaut, wird schnell ernüchtert.

Konzerte in der heutigen Zeit zu organisieren ist in der Mehrzahl der Fälle finanzieller Selbstmord. Eine national bekannte Band mit Plattenvertrag und ein paar veröffentlichten Alben wird nicht unter 3.000 Euro pro Abend spielen. Und dabei handelt es sich um die durchschnittliche Szeneband mit nationaler Fanbase und Top-Kritiken in den Fachmagazinen. Nun fallen noch Gagen für die Vorbands an. Drei Mal 350 Euro ist realistisch, zusätzlich noch 1000 Euro für eine günstige Tontechnik, 800 Euro für die Miete der Halle. Zusammen mit Werbung und Catering muss ein Veranstalter mit 6.000 Euro rechnen. Maximal 300 Personen werden einen kleinen Club besuchen und bei einem hohen Eintrittspreis von 15 Euro also 4.500 Euro in die Kasse bringen. Mit Gewinn kann bei diesen Größenordnungen nicht gerechnet werden. Warum sollte also ein Veranstalter sich diesem Risiko stellen?

Betrachten wir die andere Seite: Vorband für 350 Euro zu sein – und das weiß ich aus Erfahrung – lohnt sich nicht. Man muss mit Auf- und Abbau etwa 10 Stunden Arbeitszeit einrechnen. Als Hilfsarbeiter bekommt man einen besseren Stundenlohn, oftmals sind zig Kilometer Fahrt mit vollbeladenem Auto nötig. Gagen in dieser Größenordnung reichen nicht, um eine Band zu finanzieren. Man macht sowas aus Spaß. Vielleicht verbunden mit der verzweifelten Hoffnung, einen kleinen Werbeeffekt auf dem Weg nach oben zu haben. Letzten Endes werden jedoch maximal 20 Leute zu früher Stunde vor der Bühne stehen. Der Rest widmet sich seinen Getränken und freut sich auf den Headliner.

Nun zum Headliner: 3.000 Euro für einen Abend, eingebettet in eine Tour. Macht bei 20 Terminen 60.000 Euro. Bezahlt werden müssen in der Regel rund 10 Personen, ein Tourbus und ein überdurchschnittlich belastbares und damit teures Equipment. 4.000 Euro wird damit jeder Musiker am Ende jeder Tour bekommen. Davon soll man leben können? Wie soll man die Zeit überbrücken, in der man neue Songs schreibt? Und wie soll das neue Album finanziert werden?

Musik verschenken mag ein netter Marketinggag sein. Eine finanziell beständige Perspektive ist es nicht, eher der letzte Strohhalm, nach dem die Musiker greifen, bevor sie Insolvenz anmelden. Musik muss weiterhin Geld kosten. Und die silberne Scheibe mit zwölf Zentimeter Durchmesser ist die beste und unkomplizierteste Art, Musik und Lizenz zu verkaufen.

Bald

am 6. Oktober 2007 über Musik


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M. Herhoffer