Milchmädchenrechnung

Seit einiger Zeit geistern durch die Blogospähre umjubelte Newsmeldungen: Nach Prince tafkap Prince und Radiohead bringt nun auch die Band „The Charlatans“ (Wer ist das denn?!) ihr komplettes Album an eine mehr oder weniger zahlende Internethörerschaft. Die Futurezone des ORF meint „Mittelfinger für die Musikindustrie“ (und finanziert sich weiterhin über die Zwangsgebühren des österreichischen Rundfunkes). Die Spex weiß mehr über das neue Finanzierungsmodell: „The band will get paid more by more people coming to the gigs, buying merchandise, publishing and synch fees. I believe it’s the future business model.“

Weit und breit wird diese neue und revolutionäre Art des Musikbusiness mit Begeisterung gefeiert. Endlich haben es die Musiker kapiert: Musik muss verschenkt werden, das Geld wird bei Live-Auftritten schon irgendwie reinkommen. Selbst Journalisten der besseren Musikmagazine springen inzwischen auf diesen Zug auf. Dabei ist die Idee von der Finanzierung durch Konzerte nur ein schlecht erfundenes Märchen. Wer einmal hinter die Kulissen des Konzertmanagement schaut, wird schnell ernüchtert.

Konzerte in der heutigen Zeit zu organisieren ist in der Mehrzahl der Fälle finanzieller Selbstmord. Eine national bekannte Band mit Plattenvertrag und ein paar veröffentlichten Alben wird nicht unter 3.000 Euro pro Abend spielen. Und dabei handelt es sich um die durchschnittliche Szeneband mit nationaler Fanbase und Top-Kritiken in den Fachmagazinen. Nun fallen noch Gagen für die Vorbands an. Drei Mal 350 Euro ist realistisch, zusätzlich noch 1000 Euro für eine günstige Tontechnik, 800 Euro für die Miete der Halle. Zusammen mit Werbung und Catering muss ein Veranstalter mit 6.000 Euro rechnen. Maximal 300 Personen werden einen kleinen Club besuchen und bei einem hohen Eintrittspreis von 15 Euro also 4.500 Euro in die Kasse bringen. Mit Gewinn kann bei diesen Größenordnungen nicht gerechnet werden. Warum sollte also ein Veranstalter sich diesem Risiko stellen?

Betrachten wir die andere Seite: Vorband für 350 Euro zu sein – und das weiß ich aus Erfahrung – lohnt sich nicht. Man muss mit Auf- und Abbau etwa 10 Stunden Arbeitszeit einrechnen. Als Hilfsarbeiter bekommt man einen besseren Stundenlohn, oftmals sind zig Kilometer Fahrt mit vollbeladenem Auto nötig. Gagen in dieser Größenordnung reichen nicht, um eine Band zu finanzieren. Man macht sowas aus Spaß. Vielleicht verbunden mit der verzweifelten Hoffnung, einen kleinen Werbeeffekt auf dem Weg nach oben zu haben. Letzten Endes werden jedoch maximal 20 Leute zu früher Stunde vor der Bühne stehen. Der Rest widmet sich seinen Getränken und freut sich auf den Headliner.

Nun zum Headliner: 3.000 Euro für einen Abend, eingebettet in eine Tour. Macht bei 20 Terminen 60.000 Euro. Bezahlt werden müssen in der Regel rund 10 Personen, ein Tourbus und ein überdurchschnittlich belastbares und damit teures Equipment. 4.000 Euro wird damit jeder Musiker am Ende jeder Tour bekommen. Davon soll man leben können? Wie soll man die Zeit überbrücken, in der man neue Songs schreibt? Und wie soll das neue Album finanziert werden?

Musik verschenken mag ein netter Marketinggag sein. Eine finanziell beständige Perspektive ist es nicht, eher der letzte Strohhalm, nach dem die Musiker greifen, bevor sie Insolvenz anmelden. Musik muss weiterhin Geld kosten. Und die silberne Scheibe mit zwölf Zentimeter Durchmesser ist die beste und unkomplizierteste Art, Musik und Lizenz zu verkaufen.

2 Antworten auf “Milchmädchenrechnung”

  1. Testspiel.de : Blog Archive : Nine Inch Nails: Endlich frei meint:

    [...] Update: Links um interessante Artikel zum Thema angereichert. Gerade die Milchmädchenrechnung stützt meine These, dass sich die neue Wegen von Radiohead, Prince und Co. sich nicht in der breiten Masse durchsetzen werden. [...]

  2. DrNI meint:

    Als Band lohnt sich das ganze eigentlich nur, wenn man eine Tanzkapelle ist und die Gassenhauer spielt bis das Publikum unter dem Tisch liegt. Dann kriegt man richtige[tm] Gagen und auch der Veranstalter freut sich, denn er kommt über den Alkoholkonsum zu seinem Gewinn. Diese Art von musikalischer Prostitution ist aber nicht jedermanns Sache.
    Die CD ist eine Bewährte Art, Musik zu Geld zu machen. Aber wie viel bekommt am Ende der Musiker von jeder CD? Und hier haken Vorhaben wie das von Radiohead ein, nämlich die Musik direkt über das Netz zu verkaufen. Das funktioniert für bekannte Bands evtl. ganz gut, wer allerdings noch keinen Namen hat wird ohne ein Label im Rücken auch nie zu einem kommen.

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M. Herhoffer