Archiv für November 2007

Brauchtumspflege

am 25. November 2007 über Glaube

Heute ist Totensonntag, der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Man gedenkt im Gottesdienst – gleich ob römisch-katholisch oder evangelisch – der Toten des vergangenen Jahres und beschäftigt sich in Predigt und Schriftlesung mit allerlei apokalyptischen und endzeitlichen Dinge. Und dennoch durfte ich im heutigen Gottesdienst gleich zwei Taufen erleben.

Eine Sache störte dabei jedoch gewaltig: Mit professionellem Anspruch und unter dem Ausbleiben jeglicher Zurückhaltung haben beide Tauffamilien das Ereignis akribisch mit modernen Digicams und Videokameras aufgenommen. Und weil eine einminütige Taufe sich so schlecht in eine Full-Feature-Homemovie-DVD verwandelt lässt, wurde auch das sonstige Brimborium gleich auf Film gebannt. Das Orgelvorspiel samt Großaufnahme des spielenden Organisten, die Verlesung der Toten, ein munterer Schwenk in die Runde der trauernden Witwen sowie eine theatralische Kamerafahrt über die betenden Gottesdienstbesucher. Dabei läuft der Kameramann natürlich selbstverständlich den kompletten Altarbereich ab, stellt störende Kerzen beiseite und nutzt die Kanzel zur effektvollen Gewinnung von neuen Bildperspektiven. Seine fotografierenden Kollegen erhellen die Kirche im Sekundentakt mit grellem Blitzlicht und sind lärmend und polternd ständig auf der Suche nach dem idealen Blickwinkel.

Es ist müßig zu sagen, dass ich sowohl Tauffamilie als auch Fotografen und Filmer noch nie im Gottesdienst angetroffen habe.

Einige Dinge wurden da grundlegend falsch verstanden: Wer sein Kind taufen lässt, tut das, um es als Teil einer christlichen Gemeinde großzuziehen. Die Taufe ist nach Brenz ein „Sakrament und göttlich Wortzeichen“ für die Wiedergeburt als Christ, der Anfang des Daseins als Jünger Jesu in dieser Welt. Was bei der Taufe stattfindet, kann nicht auf Videoband festgehalten werden – und sollte es auch nicht. Die Zeichen der Taufe sollten sichtbar sein, nicht die Taufe an sich. Die Taufe ist keine Brauchtumspflege, kein lustiges Familienfest. Wer mit diesem Anspruch in den Taufgottesdienst pilgert, sollte vom Pfarrer eigentlich eine klare Absage erhalten. Wenn man sein Kind nicht als Christ erziehen kann oder will, dann braucht man sich den Umstand mit Familienfest und Sonntagskleidung erst gar nicht antun. Mit 14 Jahren, also ab Beginn der Religionsmündigkeit, kann das Kind dann selbst entscheiden, ob die Taufe das Richtige ist.

Zum Thema Film und Fotos gibt es zudem eine offizielle Meinung: In der Landeskirche sind Fotos zwischen Votum und Segen nicht gestattet. Filme nur dann, wenn auf einem ruhenden Stativ gefilmt wird und wenn die Filmaufnahme einzig der Dokumentation gilt, etwa für das Zeigen in Altersheimen oder für bettlägrige Familienmitglieder im Falle einer Kasualie.

Fahndungsfotos für alle

am 6. November 2007 über Datenschutz, Kritik, Politik

Heute Nachmittag folgte ich einer Vorladung der Polizeistation 74193 Schwaigern, ein Beamter bat mich per zugestelltem Brief in einem unverschlossenen Umschlag um eine Stellungnahme in einem Fall von „Verkehrsdelikten“. Um was es geht, wusste ich bereits: Ich war bei der Heimfahrt von einem Festival auf der Autobahn gehörig zu schnell unterwegs. Die „Bestrafung“ für dieses Vergehen ist für studentische Verhältnisse recht viel Kohle, aber so ist nun mal das Gesetz. Pech gehabt, so ist das Leben.

In einer kleinen „Nebensache“ werde ich aber Konsequenzen ziehen: Die eigens angelegte Akte zu meinem Fall enthielt Blätter, auf denen mein Personalausweisfoto abgedruckt war. Mein Auto ist auf meine Mutter zugelassen, das war Grund genug für den Polizeibeamter, auf die Fotodatenbank des Einwohnermeldeamtes in 74252 Massenbachhausen zuzugreifen, um mal zu schauen, welches Familienmitglied im engeren Umfeld meiner Mutter wohl zu dem Foto der Radarfalle passt. Da mehr volljährige Personen in Frage kommen, muss der Polizist wohl einige gespeicherte Personalausweisfotos abgerufen und verglichen haben. Einen richterlichen Beschluss, eine Erlaubnis oder auch nur eine Dienstanweisung für das Abrufen der Bilder konnte der Polizist nicht vorlegen. Die Bilder wurden nicht über das Einwohnermeldeamt, sondern direkt online aus dem Polizeirevier abgerufen. Das wurde mir mündlich bestätigt.

Ich weiß, dass die Polizei das nicht darf. Ich habe mein Foto beim Beantragen eines Personalausweises nicht dafür freigegeben, für eine Fahndung genutzt zu werden. Zudem wurden ganz offensichtlich Personalausweisfotos von meinen Familienangehörigen abgeglichen, welche nichts mit dem Fall zu tun haben.

Daher bitte ich meine Leser um Hilfe: Welches Gesetz erlaubt der Polizei, bei einer Ordnungswidrigkeit (keine Straftat) die Daten eines Einwohnermeldeamtes direkt online abzufragen, um eine Täterermittlung auszuführen? Wo muss ich mich beschweren? Wie beschwere ich mich so effektiv, dass Konsequenzen gezogen werden?

Alles in allem ist dies neben zweier hanebüchenen „Hausdurchsuchungen wegen Gefahr in Verzug“ das letzte Quäntchen, das mein Vertrauen in die Staatsmacht Polizei nun völlig gebrochen hat. Ich komme mir überwacht und letzten Endes verarscht vor, zumal ich bereits unter Zugabe der Ordnungswidrigkeit einen Zeugenbefragungsbogen zu diesem Fall zurückgesandt habe. Warum wird jeder Bundesbürger gezwungen, beim verbindlichen Antrag auf einen Personalausweis gleich ein aktuelles Fahndungsfoto zu hinterlegen? Welch ein Irrsinn ist es, bei einer Ordnungswidrigkeit auf diese Daten in erhöhtem Maße ohne richterliche Genehmigung zuzugreifen?

Das digitale Foto auf dem Personalausweis macht nicht die Ausweise sicherer. Das ist ein Märchen. Es füttert nur die Datenbanken der Polizei mit Fahndungsfotos aller Bundesbürger. Die Polizei missbraucht ihre Befugnis, sie erhebt Dienstordnungen, die die Totalüberwachung der Bevölkerung bedeuten – und das ohne die notwendige Befugnis seitens der Legislative. Der Online-Zugriff auf beliebige Datenbanken (in diesem Fall die des Einwohnermeldeamtes) ist nicht erlaubt, das hat die Polizei im Alleingang organisiert. Geht diese rasante Entwicklung so weiter, sehe ich die Demokratie ernsthaft in Gefahr.

Wehrt euch!

Neues: Die Beschwerde beim Datenschutzbeauftragen brachte zu Tage, dass die Polizei dies gemäß den aktuellen Regulierungen darf und dies keinesfalls im Sinne des Datenschutzes ist. Ein Nachweis, dass in diesem speziellen Fall die Abfrage außerhalb der Sprechzeiten des Einwohnermeldeamtes stattfand, muss die Polizei nicht liefern. Mir offenbart sich die Sache so, dass hier die Exekutive mehr oder minder offiziell beliebigen Zugriff auf die Daten aller Einwohnermeldeämter hat. Schlimme Sache.

vim für mehr oder weniger

am 3. November 2007 über Development, Linux, Software

Möchte man in der Konsole mal schnell einen Codeschnipsel oder eine Textdatei anschauen, ist more oder less die erste Wahl. Die beiden kleinen Werkzeuge können im Wesentlichen nur eines: Zeichen darstellen und eine Schnittstelle mit Scrollbalken hinbasteln. Wegen diesem Minimalismus sind sie auch recht populär.

Beim Anschauen von Code ist Syntax-Highlighting jedoch ein recht praktisches Mittel, um den Durchblick zu bekommen oder zu behalten. Less und more können Derartiges nur mit wildem Gepachte und Umkonfigurieren. Warum also nicht gleich vim als Ersatz für less verwenden? Dazu muss man die Killer-Anwendung vim jedoch erst einmal umfangreich kastrieren.
Seit Vim in der Version 6 liefert der Editor gleich ein dafür passendes Bash-Script mit, welches Vim als reinen Textbetrachter startet. Sogar die wenigen Shortcuts von less sind liebevoll umgesetzt. (So beendet etwa q anstatt :q[Enter] das Programm). Das Script befindet sich unter

/usr/share/vim/vim??/macros/less.sh

Nun muss nur noch ein Alias auf less oder more erzeugt werden und man freut sich beim Anzeigen von beliebigen Text an vielen bunten Farben.

Bushido klaut im Black Metal

am 1. November 2007 über Musik

Durch die Popmedien dieser Tage geistert eine lustige Meldung: Der größte deutsche Kommerz-Rapper soll bei den größten Kommerz-Black-Metallern geklaut haben. Das ständig wiederholte Riff (nennt sich das so bei den Hopsern?) in Bushidos Track «Mittelfinga» ähnelt in verblüffender Weise der Melodie des Tracks «The Mourning Palace» von Dimmu Borgir. «The Mourning Palace» erschien anno 1997 auf dem Album «Enthrone Darkness Triumphant». Unabhängige Gutachter sollen die Ähnlichkeit bestätigt haben. Anhand zweier YouTube-Videos kann sich jeder selbst ein Bild der Lage machen:

Dimmu Borgir - The Mourning Palace, schlechte Texte und gute Musik

Bushido - Mittelfingah, schlechte Texte und schlechte Musik

Besonders pikant ist aber eine andere Sache: Das geklaute Sample ist der Keyboardtrack, damals eingespielt von Stian Aarstad. Und Aarstad hatte beim Vorgängeralbum «Stormblast» einen ähnlichen Faux Pas geleistet. Das Instrumentalstück «Sorgens Kammer» war eins zu eins von einem Videospiel übernommen. Bei der neuen Edition von «Stormblast» im Jahre 2005 wurde der Track entfernt.

Und um den Kreis zum letzten Artikel zu schließen: Aarstad wurde unter Anderem wegen dieser Urheberrechtsverletzung aus der Band geworfen. Gleich darauf war er Produzent der christlichen Black-Metal-Band «Vaakevandring» und nahm mit ihnen ihr erstes und einziges legendäres selbstbetiteltes Album auf.

Nachtrag (mit Dank an die Informanten der Unschwarzen Taverne):

Bushido scheint wohl ein wahrer Black-Metal-Fan zu sein. Noch ein Track enthält Loops (keine Riffs, wie ich gelernt habe) von Dimmu Borgir:

Dimmu Borgir – Alt Lys Svunnet Hen

Bushido – Engel, diesmal sogar mit vertretbarem Text

In jedem anderen Genre würde Derartiges das Ende einer Künstlerkarriere bedeuten. Aber Bravo wird’s wohl wieder richten.


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M. Herhoffer