Archiv für Februar 2008

Hosen-in-den-Socken-Träger

am 18. Februar 2008 über Kritik, Kultur, erlebt

Modern scheint derzeit zu sein: Seine Hose in (zumeist weiße) Socken zu stopfen. Die mir völlig fremde Subkultur der hippen Hopper scheint mit diesem neuen Trend Maßstäbe setzen zu wollen. Schon immer habe ich mich gefragt, wie die oftmals recht weiten Hosen denn in diesen feinen und filigranen Socken von Aldi stecken bleiben.

Heute in der S-Bahn setzte sich ein stilecht gekleideter Vertreter der Hip-Hop-Szene mir gegenüber. Alsgleich wurde mir das Geheimnis offenbart: Der gemeine Hosen-in-den-Socken-Träger fixiert seine “Baggypants” in den Tennissocken mit roten Gummbibändern aus Mamas Küchenschublade! Diese werden so kaschiert, dass sie nur äußerst schwer zu erkennen sind. Eine geniale Idee.

Als der Schaffner kam, musste der Hosen-in-den-Socken-Träger 60 Euro bezahlen. Leider nicht wegen seinen stilistischen Verfehlungen. Er hatte keinen gültigen Fahrausweis.

Erst links, dann rechts abbiegen

am 2. Februar 2008 über Kritik, Kultur, Politik

In meinem Briefkasten lag heute eine Ausgabe eines Magazins namens „Unabhängige Nachrichten“. Die Artikel könnten nach oberflächlicher Betrachtung direkt aus der Datenschleuder, der Konkret oder der Jungle World stammen: Ein Artikel gegen Schäuble und seine Überwachungs-Visionen. Ein anderer über die Online-Durchsuchungen mittels des Bundestrojaner. Schön polemisch, eine radikale Anti-Haltung, alles in alter Rechtschreibung und mit viel roter Farbe. Eine linke Intiative, die was zu sagen hat.

Sicher?

Der dritte Artikel beginnt merkwürdig zu werden. Es geht um Russlands Präsident Putin und seine Haltung zur Aufrüstung der USA. Ein interessantes Thema—man druckt seine Rede in vollem Wortlaut ab. In einer Box ein Kommentar. Dort ist zu lesen: „Gleichgeschaltete Medien“, die deutschen Medien „beschränken sich auf die von oben vorgegebene Meinungsmache“.

Der Verfassungsschutz des Landes Nordrhein-Westfalen weiß mehr über das politische Profil der Zeitung:

Tatsächlich befassen sich die UN jedoch schwerpunktmäßig mit Artikeln, welche die Kriegsschuld Deutschlands leugnen, die Verunglimpfung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung beinhalten und die angeblich fortdauernde ‚Umerziehung‘ der Deutschen durch die alliierten Siegermächte anprangern. Einzelne veröffentlichte Artikel stammen aus der Feder bekannter oder ehemals aktiver Neonazis.Verfassungsschutz NRW

Fast hätte die linke Tarnung funktioniert. Die Strategie der neuen Rechte ist eindeutig: Die alten traditionellen Themen werden mehr und mehr durch einen pseudo-linken Anstrich reingewaschen, die alte strikte Trennung der beiden Lager verschwimmt. Die rechte Szene rekrutiert ungeniert im linksextremen Milieu. Selbst lange Haare, traditionelle linke Kleidung mit Kapu und Che Guevara ist in rechten Kreisen salonfähig. Die rechte Szene unterwandert traditionell linke Bereiche: Punkbands mit rechten Liedtexten, Pagan-Metal-Bands mit rassistischen Meinungen und Hare-Krishna-Hippies mit rechter Esoterik.

Wenn die rechte Szene die Schubladen abschafft, dann muss die Demokratie umdenken. Vielleicht ist das aber auch gut und gesund. Dann muss man sich nämlich zwangsläufig mit den Inhalten befassen—und merkt dann jenseits von Nazi-Ästhetik und Springerstiefeln, welch geistige Diarrhö die Rechten produzieren.


Creative Commons-Lizenzvertrag
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.
M. Herhoffer