Archiv für April 2008

Paganfest in Ludwigsburg

am 20. April 2008 über Musik

Nun ist das rechtsextreme Paganfest also vorbei. Zumindest das in der RoFa Ludwigsburg, welches ich diese Woche besuchte. Gleich das Wichtigste vorneweg: Rechts war da wie zu erwarten gar nichts. Keine Anti-Frisuren im Publikum, keine dubiosen Merchandise-Händler mit einschlägiger Ware und schon gar keine rechtsradikalen Musiker. Genau einmal las ich den Namen “Burzum“, und das in Form eines Patches auf der Emo-Tasche eines offensichtlich wohl minder intelligenten Mädchens. Wenn man diesen kleinen Faux-Pas mit den Hunderten an Varg-Vikernes-Shirts auf dem Party.San vergleicht, sollte man vielleicht bei letzterem anfangen, eine braune Unterwanderung festzustellen.

Nun also zur ganz sicher nicht rechten Musik.

Týr

Beträchtlich lange glaube ich, einer lokaler Vorband zuzuhören — bis mich dann die englischen Ansagen eines Besseren belehrten. Týr waren zweifelsohne die Exoten des Festivals. Sie kommen von den Färöer und singen in ihrer Mischung aus langsamem Heavy-Metal und färöischen Skalden auch über weite Strecken in der føroyskt Landessprache. Auf eine Angleichung der mittelalterlichen Weisen an die heutige Zeit hat man verzichtet. Der Rhythmus war so teilweise recht quer und synkopisch, der Gesang sehr klar und hymnisch, durchsetzt mit genretypischem Metal-Gesang. Für die Metal-Party völlig untauglich, aber als Eröffnung gewiss ganz nett.

Eluveitie

Schon mehrmals durfte ich die Schweizer Folk-Metaller live erleben, und noch nie war der Sound so schlecht. Gewiss ist es schwer, zig Mannen und Frauen mit recht leisen akustischen Instrumenten wie Drehleiher, Mandola, Whistle und Dudelsäcken mit rückwärtig gerichteten Bordon-Pfeiffen abzunehmen. Eine Entschuldigung für permanente Rückkopplungen und komplett ausgefallene Flöten- und Dudelsack-Soli ist das aber wahrlich nicht.

Musikalisch war alles einwandfrei. Die Lieder der neuen Scheibe funktionieren offensichtlich auch live äußerst gut. Die Bühnendarbietung machte ob der großen Menge an Musikern sehr Spaß und das Publikum dankte mit langen Ovationen.

Schön war auch das ganz und gar unpagane Drottnar-Shirt des Gitarristen beim Soundcheck.

Moonsorrow

Die Alben von Moonsorrow sind äußerst komplex, langatmig, episch und dicht. Das auf die Bühne zu bringen ist schwer. Schade, dass man es erst gar nicht versucht hat. Die Band konzentrierte sich aufs Kürzen, zusammenstreichen und auf die kurzen Stücke alter Alben. Die dominanten Keyboards und Chöre wurden nicht umgesetzt, wohl um sich Samples und Clicktrack zu sparen. Wer die Dichte der Alben im Livekonzext erleben wollte, wurde sicherlich enttäuscht. Wer aber ohnehin gerne epische Intros und Doom-Passagen überspringt, bekam eine nettes Potpourri aus dem Moonsorrow-Fundus geboten.

Korpiklaani

Kindergeburtstag mit pogenden Kiddies und einige Folk hörende Eltern am Rande des Geschehens. Korpiklaani war lustig, abwechslungsreich und kurzweilig. Der Sound war gut, die Performance etwas statisch. Schön war auch, dass Akkorden und Violine echt waren — was andere folkige Metaller nicht immer so umsetzen.

Ensiferum

Als Headliner des Abends bekam Ensiferum eine deutlich längere Spielzeit, die man abwechslungsreich aus dem Stoff von dreieinhalb Alben füllte. Wie zu erwarten war gab es wenig aus der Mäenpää-Ära zu hören, dafür aber alle Hits der neueren Scheiben. Die Gitarren waren ein wenig breiig, dass ihre Spieler aber technisch einwandfrei waren war dennoch zu erkennen. Eine gute Show, ein dankbares Publikum und viele (ein wenig chaotische) Zugaben. Was will man mehr?

Wider dem Pamphlet

am 7. April 2008 über Glaube, Internet, Kritik, Musik, Politik

In zwei Wochen werde ich das Paganfest in Ludwigsburg besuchen. Und wie ich soeben erfahren musste, bin ich deshalb ein Nazi. Das „Berliner Institut für Faschismus-Forschung und Antifaschistische Aktion e.V.“ hat auf seiner Internetseite einen hübschen Artikel über jenes welttourende Festival geschrieben. Von Typografie hat der Verfasser wohl keine Ahnung, ein Grafikporgramm hat er wohl auch noch nie bedient. Aber eine Meinung hat er wohl. Eine, die ich nicht teile.

Leider sind es genau jene Pamphlets wie dieser Artikel, welche die linke Ecke immer durch ihre Unseriosität und schlechte Recherche besudeln. Kein einziger Absatz ohne groben Fehler, ohne verdrehte Meinungsmache und Unterstellungen. Was bleibt also? Das mühsame Widerlegen mit knallharten Fakten. Und das Entlarven billiger Meinungsmache auf Kosten Anderer.

Eine Sig-Rune im Logo von Moonsorrow soll eine Verbindung zur Waffen-SS darstellen. Dann müssten wohl Slayer und KISS wahrlich nazistische Hass-Rocker sein. Lateinische Buchstaben lassen sich nach definierten Regeln bijektiv in Runen abbilden. Für das lateinische S gibt es nur eine Möglichkeit: Eben das ᛋ.

Wohl tatsächlich nicht besonders schöne Nazi-Lieder werden im deutschen Urtext aufgeführt. Als Beispiel für den „Stil“ der Band. Nur leider taucht in keinem einzigen Songtext der Band auch nur eine Paraphrasierung eines nur halbwegs mit dem Judentum in Verbindung zu bringenden Wortes auf. Eine solche Argumentation ist unterste Schublade. Ein beliebiges Nazi-Lied ohne Beweise mit einem beliebigen Song von Moonsorrow in Verbindung zu bringen erweist sich nach 20 Sekunden Recherche auf einschlägigen Lyrics-Portalen aber recht schnell als hinfällig.

Kein Zweifel: Moonsorrow ist anti-christlich. Nun zeigt aber meine persönliche Erfahrung, dass die linke Ecke nicht gerade zu Verbündeten der christlichen Weltmission gehört. Wenn der Verfasser aber tatsächlich Wort für die Christen ergreifen möchte: Nur zu! Da wird er jeden Tag in seiner Berliner Heimat sicher ein Black-Metal-Konzert finden, wo er das Kreuz hochhalten kann. Nur antinazistische Texte wird man über die satanische und ergo nicht-heidnische Ecke des Metals nicht schreiben können.

Dass auch die Schweizer Band Eluveitie in den Dreck gezogen wird, setzt der Sache die Krone auf. Ein Freundschaftslink zu „Holy Blood“ soll deren rechte Gesinnung beweisen. Nur dumm, dass „Holy Blood“ eine der wichtigsten christlichen Folk-Bands sind. Und Eluveitie selbst? Ihr Gitarrist und Sänger wird beim christlichen Musikfestival „Elements of Rock“ die Gottesdienste musikalisch begleiten.

Ein weiteres Indiz für die Rechtslastigkeit: Die deutsche Sprache! „Verweise“ statt „Links“ nennt der Verfasser „Sprachsäuberung“. Ich werde morgen am Kiosk mal nach der englischsprachigen taz suchen.

Nundenn. Wo Argumente nicht ziehen, braucht man wohl Ausrufezeichen. Und die gibt es im Artikel genug. Bleibt zu hoffen, dass diese Lächerlichkeit in der Müllhalde des Internets verrottet und keine Kreise zieht. Rechte Musik ist ein Ärgernis, perfide Unterstellungen aber ein größeres.


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M. Herhoffer