F/OSS-Anwendungen sind allesamt schlecht
Jahrelang war ich treuer Anhänger von freier Software und habe diese konsequent eingesetzt und mich geduldig mit allen Macken auseinandergesetzt. Letztes Jahr kaufte ich mir dann einen kleinen aber feinen Mac mini und begann, nach und nach kommerzielle Software einzusetzen. Und das Ergebnis war ernüchternd: In allen Bereichen der klassischen Anwendungsfelder hinkt die freie Software (im Sinne von “Anwendung”) den kommerziellen Äquivalenten um Jahre hinterher! Wo und woran das liegt versuche ich mal zu erklären.
Print- und Webdesign
Für die Pixelschubserei gibt es GIMP, für alles Vektorbasierte Inkscape, Scribus maßt sich an für das Layouten geeignet zu sein.
Wer mal schnell einen Flyer mit GIMP machen will, kann schonmal folgenden Satz üben: “Ja liebe Druckerei, es ist Absicht, dass die Datei in RGB ist. Ich kann kein CMYK und nehme zur Kenntnis, dass Sie keine Farbechtheit garantieren können.” Nach 10 Jahren ist es immer noch nicht möglich, in GIMP nativ mit CMYK umzugehen. Das ist dringend nötig, da die Räume RGB und CMYK nicht deckungsgleich (der Mathematiker weiß: homomorph) sind. Es gibt also praktisch keine Möglichkeit, einen sinnvollen Konverter zu programmieren, insbesondere beim stets kritischen Umgang mit der Farbe Schwarz. Schon mehrmals musste ich böse Überraschungen erleben, wie Flyer “made with GIMP” von der Druckerei kommen: Grau statt Schwarz, kantige Verläufe ins Schwarz, Firmenlogos nicht farbecht. Alleine die fehlende Unterstützung für CMYK macht GIMP also unbrauchbar für das Printdesign.
Inkscape kann ebenfalls kein CMYK. Und wenn man eine Pixelgrafik exportiert darf man sich auf hässliche Alias-Effekte und sehr harte Pixelübergänge beim Umgang mit Transparenz einstellen. Das ist für hochauflösenden Print nicht schlimm, für das Web aber schon. Schon mehrmals musste ich komplexe Vektorelemente in GIMP komplett überarbeiten, weil der PNG-Export von Inkscape selbst niedrigsten Anforderungen nicht genügt. Der PDF-Export ist nicht Adobe-kompatibel und ganz sicher wird es zu Fehlern kommen wenn man die Datei zur Druckerei gibt. Und: GIMP und Inkscape arbeiten nicht gut zusammen. Beim Austausch gehen auf jeden Fall alle Layer verloren und was mit der Transparanz passiert ist reine Glückssache.
Und was kann die kommerzielle Software, im Speziellen Adobe CS 4? Alles perfekt! CMYK geht nativ, über Pantone kann man jedes Corporate Design einfach spezifizieren, der Austausch zwischen den Anwendungen geht mit direkter Verknüpfung. Zudem ist Illustrator wesentlich mächtiger als Inkscape, alleine die Erosionswerkzeuge lassen Inkscape erblassen. Von den mächtigen Undo-Funktionen und der guten Performance (Inkscape startet bei mir 55 Sekunden lang wegen rund 200 installierten OTFs) ganz abgesehen.
Schon mal ein Magazin oder eine Broschüre mit Open Source gemacht? Alles, was nicht mit LaTeX geht, sollte man gar nicht erst anfangen. Etwas, das man eine Alternative zu InDesign nennen könnte, gibt es nicht. Scribus halte ich für unbenutzbar, wenn man auch nur ganz kleine Ansprüche stellt.
Ergo: Nie wieder Grafik mit Open Source! Meine Zeit ist mir zu schade.
Textverarbeitung
Warum startet OpenOffice 3 40 Sekunden lang? Um die hässliche Oberfläche aufzubauen? OpenOffice ist seit 5 Jahren ein fetter Dinosaurier mit einem fetten Relikt von StarOffice als Backend. Unbrauchbar wird OpenOffice, wenn man mehr als 3 Bilder im Dokument hat. Selbst das Scrollen wird dann zu träge, das Layouten gar unmöglich. Einzig die Tabellenkalkulation ist halbwegs brauchbar. “Impress” wiederum nicht, weil der essentielle Umgang mit Boxen, Pfeilen und sonstigen Grafiken zu einem sich indeterministisch verhaltenden Geduldsspiel wird.
Microsoft Office kenne ich nicht, iWorks von Apple kann aber in der erst dritten Generation deutlich mehr. Vor allem schaut es besser aus — sowohl in der Oberfläche als auch im Ergebnis. Alleine schon ein paar wenige sehr gute Vorlagen beschleunigen die Arbeit ungemein. Zudem ist die Software bei gleicher Rechenleistung performanter und wesentlich einfacher zu bedienen.
Musik
Ardour ist ein sehr gutes Beispiel, wie gut freie Software sein kann. Es konkurriert direkt mit ProTools und ist eine ernste Gefahr für kommerzielle Software. Aber: Ardour kann kein MIDI. 90% aller Anwender machen Musik mit dem Computer und verwenden die Kiste nicht nur zum Schnippeln und Mischen. Jeder Popsong, jeder Rocksong und jede noch so billige Produktion braucht virtuelle Instrumente. Die gibt es unter Linux zwar, aber nicht in Ardour. Es gibt praktisch keinen brauchbaren Host für all die Synths, die als LV2 angeboten werden. Rosegarden wiederum kann viel zu wenig. Und: Kein einziger Sampleplayer ist verfügbar. “Das läuft doch alles mit Wine” ist der Tenor. Richtig. Schlecht und träge läuft es mit Wine. Warum sollte man kommerzielle VSTs unter Linux hinfrickeln und in einen schlechten Host stecken, wenn Cubase alles besser und schneller kann?


11. April 2009 um 16:34
Ui, da hat aber mal jemand Dampf abgelassen.
Mit deiner Kritik hast du größtenteils recht. Nur mit Inkscape hatte ich durch den Workaround Exportiere-nach-EPS-und-konvertiere-per-eps2pdf noch solchen Probleme, die du anführst. Bei Gimp vermisse ich mehr die Layer-Baumstruktur von Photoshop. Vor allem wenn mir ein Grafiker eine psd mit 300 Layern zuschickt.
Andererseits hat die kommerzielle Software auch so ihre Problemchen und was ein armer Student wie ich ist, bleibe ich meiner kostenlosen und legalen Linuxsoftware.
Woran das liegt, hast du jetzt aber nicht erklärt. Meine Theorie ist, dass FOSS nur im Bereich von-Programmierer-für-Programmierer brilliert. In anderen Bereichen kopiert FOSS meist nur die Konkurrenz zur Hälfte.
11. April 2009 um 17:23
70 bis 300 Euro für die Studentenversionen der genannten Programme/Suiten waren es mir wert. Alle kann man 30 Tage uneingeschränkt testen, sodass man ganz sicher keinen Fehlkauf macht. Und letzten Endes ist inzwischen bei meinem engen Terminplan jede gesparte Stunde viel (Geld?) wert.
12. April 2009 um 18:31
full ack!
allerdings punktet OSS für Entwickler (Eclipse, gcc), Server (LAMP) und grundlegende Systemsoftware (VLC media player, 7-Zip, …)
Anwenderprogramme wie OpenOffice, GIMP, Inkscape, Audacity, Blender usw. sind teilweise auch nicht gerade schlecht, also als kostenlose Alternativen doch eingeschränkt zu empfehlen.
In Randbereichen ist OSS oft die einzige Wahl, wie zum Beispiel bei behindertengerechter Software. Kleine OSS-Programme wie Paint.NET oder TV-Browser machen das Leben leichter. Vereinzelt taugen sogar Spiele (ioquake3).
nicht zu vergessen: kostenlose proprietäre Software wie iTunes, Google Earth und Skype
12. April 2009 um 18:50
Schneidest du dir jetzt auch die Haare ab und kaufst einen Anzug?
Was mir in den letzten Jahren auch schmerzhaft bewusst geworden ist, ist dass die ganzen OSS Entwickler unterschiedlich viel Ahnung von guter Softwareentwicklung haben weil sie es nicht unbedingt gelernt haben. Insbesondere die Codequalität von Websoftware, allen voran Typo3 ist unter aller Sau.
14. April 2009 um 1:01
Dumm nur dass Mac OS X in wichtigen Komponenten OpenSource Software kopiert hat. Das spricht nicht dagegen, dass Mac OS X besser ist als der aktuelle FOSS stack, aber dafür, dass open-source software kein Schrott sein kann. Vielmehr besteht dein Problem eigentlich nur in Anwendungssoftware für eine recht professionelle Bearbeitung, also für Anwendungen im Bereich Grafik und Sound die selbst sehr viele Entwickler und sehr große Summen an Geld verschlingen.
Würde auch nur halb soviel Geld in die entsprechende FOSS Software gepumpt, und das wäre sehr sinnvoll und überhaupt nicht gegen die eigene Ideologie, dann könnten sich die konkurrierenden Unternehmen alle sonstwo verstecken. Es ist aber klar, dass jedes noch so überlegene Entwicklungskonzept bei einer krass assymetrischen Verteilung der Ressourcen irgendwann die Konkurrenzfähigkeit verliert. Es ist auch klar, dass jemand der ein tatsächlicher Profi in einem Anwendungsbereich ist, sich dreimal überlegt ob er FOSS entwickelt und Geldsorgen hat oder ob er zu Adobe/MS/Apple,… geht. Das kann ihm auch wirklich niemand verübeln, immerhin hat er sehr viel Zeit in die Erlernung seiner Fähigkeiten gesteckt.
Wenn du das Problem FOSS zuschreibst und Spaß an einem rant hast, dann wirst du hiermit mit meiner Abfuhr geadelt. FOSS ist mit Abstand die dem eigenen Benutzer am freundlichsten gesonnene Software-Produktion, weil sie nicht in Widerspruch mit seinen Interessen kommt.
Versuche von Apple mal nach zwei Mac OS X Versionen noch Sicherheitsupdates zu bekommen. Da ist selbst XP großzügiger, geschweige denn FOSS. Und selbst wenn du FOSS Software nur 30% an Wert für vergleichbare kommerzielle Produkte zugestehst, hast du schon 30% von dem was du für Mac OS X bezahlt hast an die FOSS Produkte, die du nutzt gezahlt? Glaube ich nicht…
Hoffentlich wird dir klar, dass Apple stylisch, schick und sehr funktional ist, aber nicht deine Interessen teilt, ganz im Gegensatz zu den FOSS-Entwicklern…
Gruß,
hirngespinst
14. April 2009 um 19:27
Im Beitrag verstehe ich unter “F/OSS-Software” die Endbenutzerandwendung. Zur “Software”: Ich habe den Begriff gewählt, weil “Software” im allgemeinen Sprachgebrauch eher Anwendung denn Betriebssystem oder Serversoftware meint. Dass alle *nix-Systeme sehr gut sind steht außer Frage. Das ist auch nicht mein Problem, Linux läuft als System wie eine Eins, auch diese Webseite wird komplett von F/OSS generiert und ausgeliefert.
Des Weiteren war ich sehr wohl in der F/OSS-Szene aktiv und habe sicherlich mehr als 300 Euro Gegenwert an Arbeitszeit in verschiedene Dinge investiert. Und ich habe nicht das Gefühl, dass das was gebracht hat. Es wird zu viel diskutiert und zu viel verläuft im Sande. Aber das ist eine andere Baustelle.
Denn: Ich habe nun das Problem, dass ich Anforderungen habe, die ich selbst mit der dreifachen Investition nicht durch F/OSS lösen kann. Welche Alternativen habe ich also? Ich habe nun erkannt, dass mit kommerzieller Software alles einfacher und schneller und produktiver geht. Dafür bin ich auch bereit, zu bezahlen.