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“Sind die christlich?”

am 17. Juli 2009 über Glaube, Kultur, Musik

Auch Christen hören Musik. Und ganz besonders gern hören sie christliche Musik. Warum das so ist, hat verschiedene Gründe, auf alle Fälle aber hat sich in nahezu allen Genres so etwas wie eine christliche Subkultur gebildet, die nahezu völlig autark zum Rest der Szene arbeitet. Da fällt eine christliche Band ein riesige Halle — und der uninformierte Nichtchrist wundert sich, warum da mehr Leute kommen als beim säkularen Headliner letzte Woche. Fakt ist: Christliche Musik hat Erfolg.

Warum aber?

Zum einen ist sicher der christliche Hang zu Seilschaften zu nennen. Ein Christ möchte mit dem CD-Kauf Christen unterstützen, ein christlicher Booker bucht christliche Bands, ein christliches Versandhaus bietet nur christliche CDs an. Der gemeine Christ scheint sich besonders wohl zu fühlen, wenn die rein geschäftlichen Beziehungen auch einen Christen an der anderen Seite haben.

Ein weit wichtigerer Punkt ist aber: “Das ist mein Thema!” Sei es aus tatsächlicher Überzeugung oder aus Schönrederei: Ein Christ fühlt sich wohler, wenn ihm die Inhalte seiner Glaubenswelt auch im Konzert begegnen. Der Bescuh christlicher Konzerte wird zu einem Akt der Selbstdefinition. Während der Nachbar mit “Rock am Ring”-Bändchen am Arm für das dort aufgedruckte Bier Werbung läuft, trägt der Christ seine Bändchen vom “Teenager Missions Treffen” oder “Legends Of Rock” fast schon mit provozierender Haltung.

Kommerziell erfolgreicher?

Nein, die christliche Musikszene ist nicht kommerziell erfolgreicher als die säkulare, aber sie kann mit weniger Aufwand kommerziell erfolgreich sein. Die Zielgruppe ist überschaubar, es gibt nur wenige Medien in der Szene die man bedienen muss, die Vertriebswege sind klar und bekannt. Eine kleine Ausnahme bildet aber sicher die USA. Wer sich dort zum christlichen Glauben bekennt, kann auf den “Mama erlaubt mir es, die Musik zu hören”-Effekt vertrauen. Während Metallica und Co. gerne aus Kinderzimmern verbannt werden, erlauben konservative Eltern P.O.D. oder Demonhunter (wohingegen letztere deutlich zweifelhaftere pro-militaristische Texte haben als Metallica je hatte).

Bessere Musik?

Jein. Im Mainstream der christlichen Musik gibt es den selben Mist wie in der säkularen Szene auch. Es gibt quietschigen Teen-Pop (sehr beliebt und sehr erfolgreich), poppigen Core und pseudo-bösen Nu-Metal. Aber es gibt neben dem Mainstream in der christlichen Szene mehr als anderswo die Möglichkeit, musikalisch experimentell zu arbeiten. Bands wie Saviour Machine, Extol oder Kekal haben stilistisch Maßstäbe gesetzt und sind bis heute einzigartig.

Was bleibt ist die strikte Trennung zwischen säkularer und christlicher Musik. Und das auf allen Bereichen. Warum ist mir selbst ein Rätsel. Bis auf P.O.D. hat es keine christliche Bands “der Szene” je geschafft, eine säkulare Festivalbühne zu entern (wobei Saviour Machine schon auf Wacken gespieltt hat, vor Cradle of Filth). Schuld sind aber nicht nur die säkularen Veranstalter, sondern auch die christlichen. Darum sollte man in den eigenen Reihen anfangen: Mehr säkulare Bands in von Christen organisierten Konzerten!

Total Armaggeddon Hillsong Worship Holocaust

am 2. Januar 2009 über Glaube, Kritik, Musik

Metal und Worship-Musik? Das sind (auch in der explizit christlichen Metalszene) zwei Dinge, die wohl nicht zusammenpassen. Da gibt es zum einen den harten Metal, der zumindest im christlichen Teil der Szene ein wenig elitär daherkommt und textlich meist einen gewissen Tiefgang in Anspruch nimmt. Auf der anderen Seite gibt es dann den gemeinen Worship. Pop, einfach Akkorde, einfache Texte. Diese Form des “geistlichen Liedes” ist heute in fast allen modernen Kirchen ein wesentliches Element im Gottesdienst und hauptsächliches musikalisches Medium. 

Freunde der harten Musik hatten bisher eines gemein: Sie mögen keinen Worship-Pop. Nur weil die musikalische Form nicht stimmt? Herausfinden kann man das anhand einer neuen CD, die das christliche Metal-Label “Bullroser Records” auf den Markt gebracht hat. Die Scheibe nennt sich “Scandinavian Metal Praise” und ist für ein wenig Geld käuflich in den einschlägigen Shops zu bekommen. Geboten werden einem tatsächlich bekannte, poppige Hillsong-Worship-Songs, unterlegt mit harten Gitarren, Riffs und treibenden Drums. Die Musiker der Projektes sind unbekannt, Kenner können aber gewisse Assoziationen ziehen. 

Reinhören lohnt sich auf jeden Fall. MySpace bietet hier einige Songs in voller Länge. Solide produziert ist das Album auf jeden Fall. Auch interessant: Nun kann sich mal nicht der Metaller dem Christentum annähern, sondern der gemeine Pop-Christ dem christlichen Metal. 

Vergessen darf man aber nicht: Einziger Sinn der Platte ist Lobpreis. Wer es hört wird den Musikern und dem Label egal sein. 

Spreadshirt-Shop

am 28. November 2008 über Glaube

“Warum hast du das noch nicht gebloggt?” Diese Frage hör ich jedes Mal, wenn ich jemandem den Link zu einem Spreadshirt-Shop schicke, der Shirts mit von mir gestalteten Motiven verkauft. Konzept und Webdesign stammt von einem anderen.

Der Shop, zu erreichen unter aion-clothing.spreadshirt.de, ist ein Premiumshop der Firma Spreadshirt. Das heißt: Man bezahlt etwa 9 Euro im Monat an Spreadshirt und bekommt dann einen Shop, in dem man eigene T-Shirts verkaufen kann, die man selbst nie in der Hand haben wird. Man liefert Spreadshirt Vektormotive und konfiguriert online die Produkte. Design und Handhabung des Shops — samt konsistentem Corporate Design — lässt sich frei gestalten. Die Provision pro Shirt kann man selbst bestimmen. Angesichts der ohnehin schon horrenden Preise, die Spreadshirt einkassiert, sollte man diese aber nicht allzu hoch machen.

Welche Motive gibt es also in dem Shop? Hauptsächlich christliche, hauptsächlich elegant und schwarz. “Aion” kennt der alte Grieche als die biblische “Ewigkeit”. Die Motive sollen ein wenig einen Gegenpol zu dem Kitsch an christlicher Bekleidung geben, die sonst so feilgeboten wird. Wer Vorschläge oder Anregungen für Motive hat, darf sich gerne melden.

Auf Gewinn ist der Shop aber nicht aus. Wir verstehen das als Service an der alternativen christlichen Szene und als Lobpreis. Soli Deo Gloria.

Wider dem Pamphlet

am 7. April 2008 über Glaube, Internet, Kritik, Musik, Politik

In zwei Wochen werde ich das Paganfest in Ludwigsburg besuchen. Und wie ich soeben erfahren musste, bin ich deshalb ein Nazi. Das „Berliner Institut für Faschismus-Forschung und Antifaschistische Aktion e.V.“ hat auf seiner Internetseite einen hübschen Artikel über jenes welttourende Festival geschrieben. Von Typografie hat der Verfasser wohl keine Ahnung, ein Grafikporgramm hat er wohl auch noch nie bedient. Aber eine Meinung hat er wohl. Eine, die ich nicht teile.

Leider sind es genau jene Pamphlets wie dieser Artikel, welche die linke Ecke immer durch ihre Unseriosität und schlechte Recherche besudeln. Kein einziger Absatz ohne groben Fehler, ohne verdrehte Meinungsmache und Unterstellungen. Was bleibt also? Das mühsame Widerlegen mit knallharten Fakten. Und das Entlarven billiger Meinungsmache auf Kosten Anderer.

Eine Sig-Rune im Logo von Moonsorrow soll eine Verbindung zur Waffen-SS darstellen. Dann müssten wohl Slayer und KISS wahrlich nazistische Hass-Rocker sein. Lateinische Buchstaben lassen sich nach definierten Regeln bijektiv in Runen abbilden. Für das lateinische S gibt es nur eine Möglichkeit: Eben das ᛋ.

Wohl tatsächlich nicht besonders schöne Nazi-Lieder werden im deutschen Urtext aufgeführt. Als Beispiel für den „Stil“ der Band. Nur leider taucht in keinem einzigen Songtext der Band auch nur eine Paraphrasierung eines nur halbwegs mit dem Judentum in Verbindung zu bringenden Wortes auf. Eine solche Argumentation ist unterste Schublade. Ein beliebiges Nazi-Lied ohne Beweise mit einem beliebigen Song von Moonsorrow in Verbindung zu bringen erweist sich nach 20 Sekunden Recherche auf einschlägigen Lyrics-Portalen aber recht schnell als hinfällig.

Kein Zweifel: Moonsorrow ist anti-christlich. Nun zeigt aber meine persönliche Erfahrung, dass die linke Ecke nicht gerade zu Verbündeten der christlichen Weltmission gehört. Wenn der Verfasser aber tatsächlich Wort für die Christen ergreifen möchte: Nur zu! Da wird er jeden Tag in seiner Berliner Heimat sicher ein Black-Metal-Konzert finden, wo er das Kreuz hochhalten kann. Nur antinazistische Texte wird man über die satanische und ergo nicht-heidnische Ecke des Metals nicht schreiben können.

Dass auch die Schweizer Band Eluveitie in den Dreck gezogen wird, setzt der Sache die Krone auf. Ein Freundschaftslink zu „Holy Blood“ soll deren rechte Gesinnung beweisen. Nur dumm, dass „Holy Blood“ eine der wichtigsten christlichen Folk-Bands sind. Und Eluveitie selbst? Ihr Gitarrist und Sänger wird beim christlichen Musikfestival „Elements of Rock“ die Gottesdienste musikalisch begleiten.

Ein weiteres Indiz für die Rechtslastigkeit: Die deutsche Sprache! „Verweise“ statt „Links“ nennt der Verfasser „Sprachsäuberung“. Ich werde morgen am Kiosk mal nach der englischsprachigen taz suchen.

Nundenn. Wo Argumente nicht ziehen, braucht man wohl Ausrufezeichen. Und die gibt es im Artikel genug. Bleibt zu hoffen, dass diese Lächerlichkeit in der Müllhalde des Internets verrottet und keine Kreise zieht. Rechte Musik ist ein Ärgernis, perfide Unterstellungen aber ein größeres.

Brauchtumspflege

am 25. November 2007 über Glaube

Heute ist Totensonntag, der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Man gedenkt im Gottesdienst – gleich ob römisch-katholisch oder evangelisch – der Toten des vergangenen Jahres und beschäftigt sich in Predigt und Schriftlesung mit allerlei apokalyptischen und endzeitlichen Dinge. Und dennoch durfte ich im heutigen Gottesdienst gleich zwei Taufen erleben.

Eine Sache störte dabei jedoch gewaltig: Mit professionellem Anspruch und unter dem Ausbleiben jeglicher Zurückhaltung haben beide Tauffamilien das Ereignis akribisch mit modernen Digicams und Videokameras aufgenommen. Und weil eine einminütige Taufe sich so schlecht in eine Full-Feature-Homemovie-DVD verwandelt lässt, wurde auch das sonstige Brimborium gleich auf Film gebannt. Das Orgelvorspiel samt Großaufnahme des spielenden Organisten, die Verlesung der Toten, ein munterer Schwenk in die Runde der trauernden Witwen sowie eine theatralische Kamerafahrt über die betenden Gottesdienstbesucher. Dabei läuft der Kameramann natürlich selbstverständlich den kompletten Altarbereich ab, stellt störende Kerzen beiseite und nutzt die Kanzel zur effektvollen Gewinnung von neuen Bildperspektiven. Seine fotografierenden Kollegen erhellen die Kirche im Sekundentakt mit grellem Blitzlicht und sind lärmend und polternd ständig auf der Suche nach dem idealen Blickwinkel.

Es ist müßig zu sagen, dass ich sowohl Tauffamilie als auch Fotografen und Filmer noch nie im Gottesdienst angetroffen habe.

Einige Dinge wurden da grundlegend falsch verstanden: Wer sein Kind taufen lässt, tut das, um es als Teil einer christlichen Gemeinde großzuziehen. Die Taufe ist nach Brenz ein „Sakrament und göttlich Wortzeichen“ für die Wiedergeburt als Christ, der Anfang des Daseins als Jünger Jesu in dieser Welt. Was bei der Taufe stattfindet, kann nicht auf Videoband festgehalten werden – und sollte es auch nicht. Die Zeichen der Taufe sollten sichtbar sein, nicht die Taufe an sich. Die Taufe ist keine Brauchtumspflege, kein lustiges Familienfest. Wer mit diesem Anspruch in den Taufgottesdienst pilgert, sollte vom Pfarrer eigentlich eine klare Absage erhalten. Wenn man sein Kind nicht als Christ erziehen kann oder will, dann braucht man sich den Umstand mit Familienfest und Sonntagskleidung erst gar nicht antun. Mit 14 Jahren, also ab Beginn der Religionsmündigkeit, kann das Kind dann selbst entscheiden, ob die Taufe das Richtige ist.

Zum Thema Film und Fotos gibt es zudem eine offizielle Meinung: In der Landeskirche sind Fotos zwischen Votum und Segen nicht gestattet. Filme nur dann, wenn auf einem ruhenden Stativ gefilmt wird und wenn die Filmaufnahme einzig der Dokumentation gilt, etwa für das Zeigen in Altersheimen oder für bettlägrige Familienmitglieder im Falle einer Kasualie.

Christlicher Metal

am 24. Oktober 2007 über Glaube, Kultur, Musik

„Häh? Du bist Christ und hörst Metal? Das geht doch gar nicht!“. Sehr oft darf ich mir diesen Satz anhören. Ich glaube zwar nicht, dass jene meist alkoholisierten Menschen, die mir diese Frage auf einschlägigen Konzerten stellen, die folgenden Zeilen lesen werden; für alle anderen folgt nun aber ein knackiger Überblick über die Geschichte des Christlichen Metals.

The Yellow Attack

To Hell With the DevilWährend in den 70ern Rock und Hardrock die Hitparade dominierten, war Anfang der 80er der große kommerzielle Durchbruch des Metals. Christliche Hardrocker gab es vereinzelt, kommerziell erfolgreich war keiner. Die Geschichte des christlichen Metal beginnt jedoch gleich mit einem Paukenschlag: Die 1981 gegründete Band Stryper spielte als einzige christliche Metalband aller Zeiten eine bedeutende Rolle im sekulären Geschäft. Ihr Glam-Metal-Stil, der Verzicht auf brachiale Härte und nicht zuletzt die Verwurzelung in der evangelikalen Szene verschaffte Stryper Gold- und Platin-Status. Aus heutiger Sicht sind Auftreten und Stilistik altbacken bis peinlich – damals war das so Mode. Legendär sind Szenen, in denen Stryper bergeweise Bibeln ins Publikum werfen, umstritten sind ihre radikalen Positionen zum Gebrauch von Schusswaffen und gegenüber Homosexualität. Ihre Musik war und ist jedoch zu 100% einem gelebten christlichen Glauben verschrieben, wenngleich oftmals etwas platt und zwangsoptimistisch. Die Bezeichnung „White Metal“ für Musik im Stil von Stryper wurde erst Jahre später nachträglich erfunden. Stryper hätten anno 1986 damit sicher nichts anfangen können. Dazu musste erst die erste Welle des satanischen „Black Metal“ ausbrechen.

Der australische Untergrund

Während kommerzielle Bands ein Weichspühlprogramm in Sachen musikalischer Härte und Aggression durchzogen, war die Revolution aus dem Untergrund nicht mehr aufzuhalten. Der sekuläre Metal wurde – ausgehend vom Thrash (für ganz Unterinfomierte: to thrash für dreschen, nicht Trash wie Müll) in Amerika – stetig härter und aggressiver. Auch in Australien gab es diese Entwicklung. An vorderster Front spielte dort 1990 eine Band namens „Mortification“ einen neuen Stil des Metals. Steve Rowe war Basser und Sänger, Jason Sherlock der Drummer. Sherlock wird später noch herausragende Bedeutung erlangen. Mortification war zweifelsohne die erste wirklich harte Underground-Band der christlichen Szene. Und nebenbei waren sie auch in Vorreiter in Sachen Death Metal. Ihr Album „Scrolls of the Megilloth“ wurde zum Klassiker.

Später erkrankt Sänger Steve Rowe an Leukämie und schien zeitweise den Kampf verloren zu haben. „Triumph of Mercy“ bezeugt eindrucksvoll seine Heilung.

Brennende Kirchen und mordende Satanisten

Stabkriche Fantoft, nach Brandstiftung vollständig niedergebrannt

Auf der anderen Seite der Erde lief die Metalszene derweil Amok. Eine Gruppe norwegischer Jugendlicher – nichts anderes war dieser legendäre „Inner Cirlce“ – entwickelter eine auf Satanismus, Rassismus und Misanthropie aufbauende Ideologie und verband dies mit einer neuen, äußerst rauen und brachialen Stilistik des Metals. Der „Black Metal“ war geboren. Verbindendes Merkmal aller Bands war ein ausgeprägter Hass auf das Christentum, der sich bis heute in Form absonderlicher Liedtexte auszeichnet. Mitte der 1990er Jahre waren Hasstiraden und lustige Gesichtsbemalung aber nicht genug: Eine Gruppe um Varg (geb. Kristian) Vikernes setzte in Norwegen die letzten verbliebenen Stabkirchen in Brand, darunter die berühmte Stabkirche Fantoft. Der Sänger der Band “Mayhem” mit bezeichnendem Pseudonym “Dead” begeht Selbstmord [Warnung: fotografisch explizite Darstellung], ein Jahr später wird sein Bandkollege “Euronymous” von Vikernes erstochen. Auch in Deutschland schaut es nicht besser aus: Mitglieder der Band Absurd ermorden in Gemeinschaftstat einen «Homosexuellen», den 15jährigen Sandro Beyer.

In diesem ganz und gar antichristlichen Kontext wurde 1994 dezent und unauffällig ein Album veröffentlicht. Die Band nannte sich “Horde”, das Album “Hellig Usvart”. Nuclear Blast, damals noch völliger Underground, brachte die Scheibe auf den Markt. Der Aufschrei in der Szene war recht groß, fühlten sich die satanischen Eliten doch reichlich provoziert: “Hellig Usvart” offenbarte sich als Album mit durch und durch anti-satanischen, christlichen Texten. Mit den Mitteln der Blasphemie, die der Black Metal gegen das Christentum verwandte, wendet sich “Hellig Usvart” nun gegen den Satanismus. Titel wie «Invert The Inverted Cross» oder «Blasphemous Abnomination Of The Satanic Pentagram» invertierten die komplette Ideologie des Black Metal. Die Seitenhiebe auf die satanische Szene waren offensichtlich: „Hellig Usvart“ ist norwegisch für „Heilig Unschwarz“, eine Anspielung auf den „Unholy Black Metal“ von Darkthrone. Das einzige Mitglied der Band nannte sich “Anonymous”, eine direkte Anspielung auf den kurz zuvor erschossenen Euronymous von “Mayhem”. Bis heute halten sich Gerüchte, dass Markus Staiger, Chef von Nuclear Blast, Morddrohungen aus der satanistischen Szene erhalten habe.

Erst Jahre später wurde das Geheimnis um Horde gelüftet: Kein Norweger war der Autor, sondern der Australier Jason Sherlock. Er war einst Schlagzeuger von Mortification und spielt heute bei Paramæcum.

Kurz darauf traten einige Bands Hordes Erbe an. Manche davon sind gut, viele sind grottenschlecht. Besonders in den vom Christentum dominierten Teilen Südamerikas gibt es eine ausgeprägte und vielseitige christliche Black-Metal-Szene, die seit 10 Jahren auf einem recht niedrigen musikalischen Niveau hängen geblieben ist. Eine Vielzahl an Bands publiziert im Stundentakt Alben und MySpace-Seiten. Dieser Teil der Szene wird in Europa nahezu ignoriert.

Großes Ansehen genießen jedoch jene skandinavischen Bands, die ebenso wie die säkulären Kollegen den Black-Metal kreativ ausbauten und in der so genannten „zweiten Welle“ mit atmosphärischen und progressiven Elementen verbanden. Zu nennen sind Antestor, damit verbunden Vaakevandring, Crimson Moonlight, Vardøger und Admonish. Insbesondere Antestor belegt eine Schlüsselposition. Als christliche Doom-Metal-Band ist ihre Geschichte älter als die von Horde. Noch unter dem Namen Crush Evil sagte Euronymous über sie:

When it comes to bands like Crush Evil, we must take serious action. It`s bad enough to have a couple of society bands, but a CHRISTIAN band is too much. But don’t worry, we have plans. They will not continue for a very long time. Euronymous

Seine Drohungen verliefen im Sande, ein halbes Jahr nach dieser Aussage wurde er von Varg Vikernes erschossen. 2004 spielte sein Bandkollege „Hellhammer“ als Session-Musiker Schlagzeug bei Antestor.

Quellen: Wikipedia; Unheilige Allianzen. Black Metal zwischen Satanismus, Heidentum und Neonazismus; „Black Metal Primer Redux“, Heaven’s Metal #67 2-3/07

Nachtrag: Erasmus von Son-of-Man-Records führte einst mal ein recht untergrundiges Interview mit Anonymous von Horde. Da SoM derzeit nicht mehr aktiv ist und keine Internetseite mehr betreibt (soweit ich weiß ist der alleinige Labelchef als Soldat im Irak), biete ich ganz frech eine Sicherungskopie des Interviews an. Anonymous äußert sich dort noch über eine weitere Anspielung: Der Produzent mit den Pseudonym «Unblack Mark» ist nicht existent, sondern eine Referenz auf das Label «Black Mark» von Bathory. Damit bekommt auch noch die letzte wichtige Band der Szene eine Anspielung gewidmet. Anonymous behauptet aber immer noch, dass Horde niemals ein Parodie oder gar ein Spaßprojekt war. Horde ist todernster Unblack Metal.

Inzwischen gab es auch einen Liveauftritt. Die DVD ist gerade auf dem Weg von Australien zu meinem Briefkasten.

Metalfest

am 18. September 2007 über Glaube, Kritik, Musik, Review

In anderen Ländern ziehen die größten christlichen Rock-Festivals Abertausende an Besuchern. In Deutschland wohl nicht. Denn am letzten Samstag traf sich die recht übersichtliche christliche Metalszene im Dachboden des Takko-Marktes in der „Cross Music Hall“ im hessischen Bad Hersfeld zum einzigen und ergo größten christlichen Metalfestival mit dem klischeefreien Namen Metalfest. Ich war da, alleine schon das ist ein Grund für einen kleinen Konzertbericht.

A.W.A.S.

Gleich zu Beginn gab es Krach ohne Kompromisse. „Ardent War Against Satan“ machen ganz soliden Death-Metal im Windschatten von Mortification und Sacrificium. Solide gemacht mit reichlich Geknüppel und sehr gutem Growling, dazu eine recht authentische Performance. Das Cover von Mortifications „Scrolls Of The Meggiloth“ war ein stilvoller und äußerst klassischer Einstieg ins Metalfest. Wenngleich man leider sicher sein muss, dass A.W.A.S. besser gesungen hat als es Rowes Gesundheit derzeit zuließe. Alles in Allem wird A.W.A.S. sicher noch von sich hören lassen. Das deutsche Todesmetall ist in der Szene derzeit recht rar, da muss man einfach Erfolg haben. Wenn es dann mal soweit ist, muss die Band vielleicht auch nicht mehr neben mir in einer Turnhalle übernachten, sondern bekommt ein Hotel spendiert. Bis dahin können sie sich schon mal Luftmatratzen kaufen, die nicht platzen. (Mann oh Mann, ich hatte mich noch nie so erschrocken.)

The No Notes

Mit Rock’n’Roll Covern der sekulären Sorte – einschließlich nicht ganz passendem „Hell Ain’t a Bad Place To Be“ – erspielten die „No Notes“ als regionale Band die Gunst des inzwischen größer gewordenen Publikums. Guter Sound, sympatisches Auftreten und ganz offensichtlich reichlich Bühnenerfahrung konnten begeistern. Ob’s ins Programm reingepasst hat oder nicht, sei dahingestellt.

Essence Of Sorrow

Objektiv betrachtet ist die Schwedische Band Essence of Sorrow eine Newcomerband. Songwriter und Gitarrist ist aber einer jener Stars der Szene, der als Multistilist in jedem Genre und fast jeder Band zu finden ist: Jani Stefanovic. Mit Divinefire spielt er Symphonic Metal, mit Miseration brutalen Death Metal und mit Mehida macht er Stratovarius Konkurrenz. Zudem ist er auf “Veil of Remerberence” von Crimson Moonlight zu hören. Das Projekt Essence of Sorrow bietet soliden progressiven Metal, abwechslungsreich von hart bis ganz hart. Dass Stefanovics Gitarrenspiel dem Besten gehört, was der Abend zu bietet hatte, dürfte klar sein. Aber auch am Mikrofon stand ein äußerst selbstbewusster Christian Palin in äußerst selbstbewusstem Kostüm. Seine vokale Darbietung hatte selbst in höchsten tonalen Gefilden noch Studioqualität. Gehört hat man ihn aber nur selten. Denn so langsam wurde auffällig, dass der Sound nicht gar so gut war, wie er sein könnte. Das hat Essence Of Sorrow ein wenig geschadet.

Seventh Avenue

Seventh Avenue sind ein Klassiker der frommen Szene in Deutschland und allemal ein Erlebnis. Melodischer, recht eingängiger Heavy Metal ohne Schnickschnack, ein Sänger in Topform (auch wenn “Infinite King” ab und an in undefinierbare Höhen abdriftet) und sogar noch neues Material im Gepäck. Der Sound war nicht wirklich besser als bei Essence of Sorrow. Seventh Avenue war daran aber gewisse nicht schuld.

Bleibt zu hoffen, dass die Jungs für ihre neue Platte ein geeignetes Label finden. Alleine schon der Produzent Sascha Paeth (Epica, Rhapsody, Aina) sollte ein Garant dafür sein, dass das neue Album ein voller Erfolg wird. Und schon seit Jahren spiele ich mit dem Gedanken, die Jungs auf ein Konzert des hiesigen CVJMs einzuladen. Vielleicht wird da ja noch einmal was daraus …

Mad Max

Nunja, irgendwann hat jeder mal Hunger und irgendwann tun die Beine weh und irgendwann braucht man frische Luft. Um es kurz zu machen: Wir haben die Jungs verpasst, nur der letzte Song ist hängengeblieben. Und das war ein wirklich toller Worship-Song. Somit waren Mad Max neben Narnia die einzige Band, die ernsthaften Lobpreis betrieben.

Veni Domine

Mit den Schweden Veni Domine bekam der Gothic Metal eine Plattform. Epische Chöre (vom Band), progressive Einschläge und ein durch und durch charismatischer Sänger brachten eine doch recht ruhige Athmosphäre in das sonst von Headbangen und Pogo dominierte Konzert. Das Konzert war gleichzeitig die Veröffentlichung des neuen Album “Tongues”, weswegen Einiges an neuem Material vorgestellt wurde. Alles in allem ein sehr kurzweiliges Set, recht abwechslungsreich - aber auch komplex und teilweise schwer zu hören. Unvorbereitete Ohren hatten es teilweise schwer.

Narnia

Nachdem die Gitarrenverstärker durch Wände von Gitarrenverstärker ersetzt waren, enterte der Headliner die Bühne. Mit einer unglaublichen Energie startete mit “Into This Game” die Show von Narnia. Sänger Christian Rivel war in Höchstform, seine Stimme einwandfrei. Dazu noch eine unglaublich aktive Bühnenshow, Interaktion mit dem Publikum und eine gute Message. Rivel machte deutlich, warum und für wen er seine Musik macht. Ich kenne keine andere Band, die die christliche Botschaft so offen und direkt präsentiert wie Narnia. Hits wie “Long Live The King” und “Living Water”, aber auch die Ansprachen sind recht eindeutig. Mich würde echt mal interessieren, ob die reichlich vorhandenen Träger von “Dimmu Borgir” und “Cradle Of Filth”-Shirt von der Botschaft erreicht wurden.

Narnias Gitarrenspieler Carl Johan Grimmark zauberte einwandfreie Solos, wenngleich Sound und vor allem Effekte doch sehr an seine Zweitband Saviour Machine erinnern. Wurde da etwa der eine oder andere Lick neu aufgetragen?

Die Songauswahl war recht gut und orientierte sich am eben erschienenen Best-Of-Album “Decade Of Confession”, welches an diesem Tag (für stolze 18 Euro) das Licht der Welt erblickte. Alles in allem ein sehr gutes und energetisches Narnia-Konzert. Ganz offensichtlich war Narnia für den hohen Ticketpreis von 23 Euro verantwortlich, im Endeffekt hat sich das aber gelohnt.

Immortal Souls

Zum Ende sollte es nochmal hart werden. Die Finnischen Melodic-Death-Metaller von Immortal Souls boten ein frostiges Set mit filigranen und technischen Gitarren, keifend-gutturalem Gesang und Drums mit Doublebass. Der Sound war leider völlig unterirdisch und der hohe technische Anspruch der Leadgitarre lies sich nur optisch erkennen. Gespielt wurde hauptsächlich das neue Album “Wintereich”. Und schnell wurde auch klar, wie die Band den Klargesang der Scheibe umsetzt: Nämlich gar nicht. Es wurde ausschließlich frostbitten und winterlich gekeift.

Ansonsten stand die Haltung der Band in keinem Verhältnis zu der des Publikums: Während die komplette Musikermannschaft wie angewurzelt auf der Bühne stand, keine Mine verzog und die Ansagen auf ein Nötigstes reduzierte, tobte im Publikum der wildeste (und auch rücksichtsloseste) Pogo und Moshpit den ich je erlebt habe. Unmöglich, ohne blaue Flecken davon zu kommen. Schön wäre es gewesen, wenn die Security anstatt das Fotografieren zu verbieten, der Sache Einhalt geboten hätte.

Und noch eine weitere Sache war unschön: Immortal Souls spielte über die Verstärkerbox con Narnia-Gitarrist C. J. Grimmark. Und der schleppte seine Box noch während des Schlussapplauses von der Bühne - ohne Immortal Souls die Möglichkeit zu geben, eine Zugabe zu spielen. Sehr unfair. Da überlegt man sich gleich zweimal, ob man seine neue Solo-Platte kauft.

Alles in allem ein rundum gelungenes Konzert. Ich hoffe auf ein Metalfest 08 und auf noch mehr Interesse am christlichen Metal aus der säkularen Szene. Die Christen gehen schließlich auch auf weltliche Konzerte, warum nicht auch umgekehrt?


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M. Herhoffer