In anderen Ländern ziehen die größten christlichen Rock-Festivals Abertausende an Besuchern. In Deutschland wohl nicht. Denn am letzten Samstag traf sich die recht übersichtliche christliche Metalszene im Dachboden des Takko-Marktes in der „Cross Music Hall“ im hessischen Bad Hersfeld zum einzigen und ergo größten christlichen Metalfestival mit dem klischeefreien Namen Metalfest. Ich war da, alleine schon das ist ein Grund für einen kleinen Konzertbericht.
A.W.A.S.
Gleich zu Beginn gab es Krach ohne Kompromisse. „Ardent War Against Satan“ machen ganz soliden Death-Metal im Windschatten von Mortification und Sacrificium. Solide gemacht mit reichlich Geknüppel und sehr gutem Growling, dazu eine recht authentische Performance. Das Cover von Mortifications „Scrolls Of The Meggiloth“ war ein stilvoller und äußerst klassischer Einstieg ins Metalfest. Wenngleich man leider sicher sein muss, dass A.W.A.S. besser gesungen hat als es Rowes Gesundheit derzeit zuließe. Alles in Allem wird A.W.A.S. sicher noch von sich hören lassen. Das deutsche Todesmetall ist in der Szene derzeit recht rar, da muss man einfach Erfolg haben. Wenn es dann mal soweit ist, muss die Band vielleicht auch nicht mehr neben mir in einer Turnhalle übernachten, sondern bekommt ein Hotel spendiert. Bis dahin können sie sich schon mal Luftmatratzen kaufen, die nicht platzen. (Mann oh Mann, ich hatte mich noch nie so erschrocken.)
The No Notes
Mit Rock’n’Roll Covern der sekulären Sorte – einschließlich nicht ganz passendem „Hell Ain’t a Bad Place To Be“ – erspielten die „No Notes“ als regionale Band die Gunst des inzwischen größer gewordenen Publikums. Guter Sound, sympatisches Auftreten und ganz offensichtlich reichlich Bühnenerfahrung konnten begeistern. Ob’s ins Programm reingepasst hat oder nicht, sei dahingestellt.
Essence Of Sorrow
Objektiv betrachtet ist die Schwedische Band Essence of Sorrow eine Newcomerband. Songwriter und Gitarrist ist aber einer jener Stars der Szene, der als Multistilist in jedem Genre und fast jeder Band zu finden ist: Jani Stefanovic. Mit Divinefire spielt er Symphonic Metal, mit Miseration brutalen Death Metal und mit Mehida macht er Stratovarius Konkurrenz. Zudem ist er auf “Veil of Remerberence” von Crimson Moonlight zu hören. Das Projekt Essence of Sorrow bietet soliden progressiven Metal, abwechslungsreich von hart bis ganz hart. Dass Stefanovics Gitarrenspiel dem Besten gehört, was der Abend zu bietet hatte, dürfte klar sein. Aber auch am Mikrofon stand ein äußerst selbstbewusster Christian Palin in äußerst selbstbewusstem Kostüm. Seine vokale Darbietung hatte selbst in höchsten tonalen Gefilden noch Studioqualität. Gehört hat man ihn aber nur selten. Denn so langsam wurde auffällig, dass der Sound nicht gar so gut war, wie er sein könnte. Das hat Essence Of Sorrow ein wenig geschadet.
Seventh Avenue
Seventh Avenue sind ein Klassiker der frommen Szene in Deutschland und allemal ein Erlebnis. Melodischer, recht eingängiger Heavy Metal ohne Schnickschnack, ein Sänger in Topform (auch wenn “Infinite King” ab und an in undefinierbare Höhen abdriftet) und sogar noch neues Material im Gepäck. Der Sound war nicht wirklich besser als bei Essence of Sorrow. Seventh Avenue war daran aber gewisse nicht schuld.
Bleibt zu hoffen, dass die Jungs für ihre neue Platte ein geeignetes Label finden. Alleine schon der Produzent Sascha Paeth (Epica, Rhapsody, Aina) sollte ein Garant dafür sein, dass das neue Album ein voller Erfolg wird. Und schon seit Jahren spiele ich mit dem Gedanken, die Jungs auf ein Konzert des hiesigen CVJMs einzuladen. Vielleicht wird da ja noch einmal was daraus …
Mad Max
Nunja, irgendwann hat jeder mal Hunger und irgendwann tun die Beine weh und irgendwann braucht man frische Luft. Um es kurz zu machen: Wir haben die Jungs verpasst, nur der letzte Song ist hängengeblieben. Und das war ein wirklich toller Worship-Song. Somit waren Mad Max neben Narnia die einzige Band, die ernsthaften Lobpreis betrieben.
Veni Domine
Mit den Schweden Veni Domine bekam der Gothic Metal eine Plattform. Epische Chöre (vom Band), progressive Einschläge und ein durch und durch charismatischer Sänger brachten eine doch recht ruhige Athmosphäre in das sonst von Headbangen und Pogo dominierte Konzert. Das Konzert war gleichzeitig die Veröffentlichung des neuen Album “Tongues”, weswegen Einiges an neuem Material vorgestellt wurde. Alles in allem ein sehr kurzweiliges Set, recht abwechslungsreich - aber auch komplex und teilweise schwer zu hören. Unvorbereitete Ohren hatten es teilweise schwer.
Narnia
Nachdem die Gitarrenverstärker durch Wände von Gitarrenverstärker ersetzt waren, enterte der Headliner die Bühne. Mit einer unglaublichen Energie startete mit “Into This Game” die Show von Narnia. Sänger Christian Rivel war in Höchstform, seine Stimme einwandfrei. Dazu noch eine unglaublich aktive Bühnenshow, Interaktion mit dem Publikum und eine gute Message. Rivel machte deutlich, warum und für wen er seine Musik macht. Ich kenne keine andere Band, die die christliche Botschaft so offen und direkt präsentiert wie Narnia. Hits wie “Long Live The King” und “Living Water”, aber auch die Ansprachen sind recht eindeutig. Mich würde echt mal interessieren, ob die reichlich vorhandenen Träger von “Dimmu Borgir” und “Cradle Of Filth”-Shirt von der Botschaft erreicht wurden.
Narnias Gitarrenspieler Carl Johan Grimmark zauberte einwandfreie Solos, wenngleich Sound und vor allem Effekte doch sehr an seine Zweitband Saviour Machine erinnern. Wurde da etwa der eine oder andere Lick neu aufgetragen?
Die Songauswahl war recht gut und orientierte sich am eben erschienenen Best-Of-Album “Decade Of Confession”, welches an diesem Tag (für stolze 18 Euro) das Licht der Welt erblickte. Alles in allem ein sehr gutes und energetisches Narnia-Konzert. Ganz offensichtlich war Narnia für den hohen Ticketpreis von 23 Euro verantwortlich, im Endeffekt hat sich das aber gelohnt.
Immortal Souls
Zum Ende sollte es nochmal hart werden. Die Finnischen Melodic-Death-Metaller von Immortal Souls boten ein frostiges Set mit filigranen und technischen Gitarren, keifend-gutturalem Gesang und Drums mit Doublebass. Der Sound war leider völlig unterirdisch und der hohe technische Anspruch der Leadgitarre lies sich nur optisch erkennen. Gespielt wurde hauptsächlich das neue Album “Wintereich”. Und schnell wurde auch klar, wie die Band den Klargesang der Scheibe umsetzt: Nämlich gar nicht. Es wurde ausschließlich frostbitten und winterlich gekeift.
Ansonsten stand die Haltung der Band in keinem Verhältnis zu der des Publikums: Während die komplette Musikermannschaft wie angewurzelt auf der Bühne stand, keine Mine verzog und die Ansagen auf ein Nötigstes reduzierte, tobte im Publikum der wildeste (und auch rücksichtsloseste) Pogo und Moshpit den ich je erlebt habe. Unmöglich, ohne blaue Flecken davon zu kommen. Schön wäre es gewesen, wenn die Security anstatt das Fotografieren zu verbieten, der Sache Einhalt geboten hätte.
Und noch eine weitere Sache war unschön: Immortal Souls spielte über die Verstärkerbox con Narnia-Gitarrist C. J. Grimmark. Und der schleppte seine Box noch während des Schlussapplauses von der Bühne - ohne Immortal Souls die Möglichkeit zu geben, eine Zugabe zu spielen. Sehr unfair. Da überlegt man sich gleich zweimal, ob man seine neue Solo-Platte kauft.
Alles in allem ein rundum gelungenes Konzert. Ich hoffe auf ein Metalfest 08 und auf noch mehr Interesse am christlichen Metal aus der säkularen Szene. Die Christen gehen schließlich auch auf weltliche Konzerte, warum nicht auch umgekehrt?