
Kaum vorstellbar: Jenes Konglomerat aus blinkenden Bildchen, Flash-Videos, brüllenden Medienspielern und lustigen Fotos namens MySpace ist inzwischen zu einem der wichtigsten Kanäle für die Musikszene geworden. Kaum eine Band kann es sich mehr leisten, nicht mitzumachen. Warum aber ist diese Mordor des Internets so mächtig geworden?
MySpace ist alles andere als komfortabel und ansehnlich. Das Layout ist in Sachen Hässlichkeit und Unbenutzbarkeit kaum mehr zu überbieten. Während die Konkurrenz mit tollen Web2.0-Effekten aufwartet, bleibt MySpace den statischen HTML-Tabellen treu. Kästchen für Kästchen wird das optische Chaos komplettiert. Und wer als Außenstehender glaubt, die unterschiedlichen MySpace-Designs seien ein besonderes Feature, der irrt: Alles muss der Benutzer über unschöne und kaum zu durchschauende Hacks selber basteln. MySpace filtert CSS-Daten in den Inhaltsfeldern nicht heraus. Jegliche Anpassung des Layouts erfolgt also durch Überschreiben des ursprünglichen CSS. Identifizierer wie table table td.text table td.text span.btext sind da noch von der harmlosen Sorte.
Was macht MySpace aber so erfolgreich?
Wie MySpace zum Status Quo gekommen ist, kann wohl so keiner wirklich verstehen — was man dort aber vorfindet, ist von immensem kommerziellen Belang. Man findet für jede nur erdenkliche Zielgruppe zwischen 12 und 30 Jahren ein passendes Netzwerk (Clique nennt der Graphentheoretiker so etwas), welches mehr oder minder automatisiert gezielt beworben werden kann. Mittel des Zwecks sind hierbei Freundesanfragen um schlicht auf sich aufmerksam zu machen oder Kommentare, die mit Bildern versehen alles Erdenkliche bewerben können. MySpace erschließt den Bands, und vor allem jenen jenseits des Mainstreams, ein großes und exakt passendes Publikum. Dass sich Bands, Labels und neuerdings auch Filme also ein solches Profil zulegen ist ergo von rein kommerziellen Zielstrebungen getrieben.
Und der Internetnutzer in pubertären Jahren meldet sich ohnehin überall an, wo man seine Langeweile loswerden kann. Und wenn man dann noch direkt und unmittelbar virtuelle Freundschaft mit seinen Idolen schließen darf, dann wird MySpace erst recht zur ersten Wahl. Insbesondere jene kaum zu durchschauende Gattung der Emo-Core-Hörern (oder Emo-Stil-Nacheiferern) hat in MySpace wohl die ideale Plattform gefunden, sich selbst ohne die schützenden vier Wände zu verlassen stilecht, narzisstisch und selbstmystifizierend präsentieren zu können. MySpace wird zum virtuellen Catwalk all jener, die in der realen Welt nicht jene Beachtung finden, die sie suchen.
Der musikinteressierte Nutzer wird vor allem Gefallen an den Medienplayern finden. Wer ein Klangbeispiel einer Band braucht, wird auf der MySpace-Seite fündig. Schnell und unkompliziert tönt sofort das wichtigste qualitätsdefinierende Merkmal einer Band aus den Boxen: Ihre Musik. Das geht nirgends so gut wie auf MySpace. Was drumherum an *HDL* und *lol* ansteht, interessiert dann überhaupt nicht.
Und auch zum Geschäfte machen taugt MySpace. Wie kommt man leichter in Kontakt zu einer Band oder zu einem Veranstalter als über ein schlichtes „Nachricht senden“? Als Mitmacher von Kulturwerk Orange sehe ich, dass 90% aller Bewerbungen von Bands über MySpace eingehen. MySpace ist der erste Schritt für eine Geschäftsbeziehung — wenngleich eine rasch kopierte MySpace-Nachricht jedoch wahrlich nicht die klassische Promo-Mappe ersetzen kann.
Ob diese Vorteile aber alle vom MySpace-Gründer Tom Anderson (ja, genau der, der 229.861.630 „Freunde“ hat) so intendiert waren, wage ich zu bezweifeln. Angesichts der 580 Mio. Dollar die er von Rupert Murdoch aber bekommen hat, wird ihm das ziemlich egal sein.